TRACKS NEWS / 08-02-18 / Abrakada-Bra, Kapitel 2
WITCHES #2

Abrakada-Bra, Kapitel 2

Hexen sind geheimnisvoll, gefährlich und unwiderstehlich. Heute erobern die Damen mit dem gewissen Schwefelgeruch Filme, Zeitschriften und Musikclips. Wird die Hexe zum Inbegriff eines neuen Glamour-Feminismus? Mehr dazu in Kapitel 2 unserer Hexen-Saga.

„Werft Macron in den Hexenkessel!“, so lautete der Schlachtruf einer Gruppe von Demonstrantinnen Anfang September 2017 in Paris. Wie viele ihrer Landsleute protestierten sie gegen die Arbeitsrechtsreform des französischen Präsidenten – allerdings ganz in Schwarz und mit Hexen-Hut. Drei Wochen später waren sie wieder auf der Straße, beim Internationalen Tag für das Recht auf Abtreibung. Sie nennen sich Witch Bloc (witch = englisch für Hexe), entstammen einer anarchistischen Zelle der Universität Paris VII und verstehen sich als radikale Feministinnen. Warum aber das Hexen-Outfit? „Als Aktivistinnen, Feministinnen und Aufständische haben wir den normativen Rahmen der Gesellschaft verlassen. Unsere Außenseiterstellung macht uns zu Hexen“, lautet ihre Antwort.

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Witch Bloc

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Wie in Kapitel 1 der Tracks-Hexen-Saga nachzulesen steht, gehören politischer Aktivismus und moderne Hexerei seit deren Geburtsstunde Anfang der 1940er Jahre eng zusammen. Heute kommt noch eine weitere Zutat in den Zaubertrank: Hexen werden mit einem spirituellen Feminismus assoziiert, der mit der neuen Frauenbewegung infolge der Weinstein-Affäre besondere Gewichtung und Anziehungskraft gewinnt. Schon seit geraumer Zeit erscheint die Hexe nicht mehr als hakennasige Alte, sondern als mächtige Zauberin – in der öffentlichen Wahrnehmung und insbesondere in der Kunst. Ein Beispiel dafür ist I Am Not a Witch. Der Film aus Sambia war die Sensation beim letzten Filmfestival in Cannes. Er handelt von einem neunjährigen Mädchen, das völlig gegenstandslos der Hexerei bezichtigt wird. Anhand der Geschichte dieses Mädchens erzählt Regisseurin Rungano Nyoni von Sklaverei und Prostitution, vom Aberglauben und von der Angst und Faszination, die die Hexerei (nicht nur) in Afrika auslöst. Die Hexe wird zur Figur des Widerstands gegen eine Gesellschaft, die ihre schwächsten Mitglieder ausgrenzt und zermalmt.

Befreit von Warzen, Besen und Kröten, hält die moderne Hexe Einzug in die Welt des Glamours und deren Allerheiligstes: die Hochglanzzeitschrift Vogue. Modepäpstin Anna Wintour erkannte das Potenzial der „Witch Renaissance“ und schaltete in ihrem berühmten Magazin kurzerhand eine Witchy Week, eine Art Wochenschau für hippe Hexen, mit hundertprozentig natürlichen Beauty-Rituals, Oden an Gottmutter Gaia und Modetipps für den perfekten Gothic-Hippie-Schick. Nicht weniger glamourös, aber doch etwas tiefschürfender ist Sabat Magazine, die neue Bibel für angehende Hexen. 

Weil moderne Hexen es fertigbringen, gleichzeitig im Kessel zu rühren und Tweets zu verschicken, sind sie natürlich auch in den sozialen Netzwerken unterwegs. Die Videos, in denen Harmony Nice, die Kim Kardashian der Hexenwelt, aus ihrem Alltag berichtet, ernten jedes Mal knapp eine Million Views. Und der YouTube-Kanal The White Witch Parlour von Jenna Caprice zählt fast 90 000 Abonnenten.

Auch in der Musik sind Hexen präsent. In einigen der heißesten Clips der letzten Zeit geht es ziemlich okkult zu. Zum Beispiel im rätselhaften „M3LL155X“ der Britin FKA twigs, in „Brujas“ (bruja = spanisch für Hexe) der afro-puerto-ricanischen Rapperin und selbsterklärten Urban Witch Princess Nokia und im Witch Rap von Moor Mother, einer feministischen Göttin mit Dreadlocks. Johanna von Orleans und die Hexen von Salem sind gerächt!