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HEAVY KAWAII

Aggretsuko: Cuteness overload meets Heavy Metal

Das neue japanische Star-Maskottchen konzentriert Fuck-the-System-Wut im Körper einer süßen kleinen Roten Pandabärin[HF1] . Paradoxon oder Wutventil?

„DU DENKST, DU HAST DEN GRÖẞTEN, DU WITZ VON EINEM CHEF? WIR LEBEN IM 21. JAHRHUNDERT, KAPIERT? DU NERVST MICH SEIT HEUTE FRÜH, DEIN RÜSSEL IST EINE JAUCHEGRUBE. SCHEIẞBOSS!!!!“ Wir dürfen vorstellen: Retsuko, eine 25-jährige Rote Pandabärin, die alleine lebt, in einem Büro arbeitet … und ein Idol ihrer Generation ist! Wenn sie ein bisschen grantig ist, dann liegt das daran, dass sie mitten in einer existentialistischen Krise steckt, die durch die schwere Verantwortung des Erwachsenseins noch vergrößert wird. Wenn das Stresslevel-Maximum erreicht ist, greift sie zum Mikro und vergisst sich in Death-Metal-Karaoke-Gesang. Hier schreit sie ihren Frust heraus – gegen ihre idiotischen Kollegen, die ihr unbedingt Kinderfotos zeigen wollen, gegen ihren tyrannischen Boss, gegen das Leben allgemein. Für die übrigen anthropomorphen Tiere dieser Welt ist sie allerdings nur eine junge japanische Vorzeigepandabärin. Revolution der Arbeitswelt und Selbstverwaltung? Vielleicht morgen … Die Animeserie führt die Tradition der Büro-Fiktion fort, ist allerdings direkt auf die „Millenials“ zugeschnitten, also jene angeblich ewigen Teenager, die Ende des letzten Jahrtausends geboren wurden. Bei Retsuko kann von einem Minimalismus wie bei Dilbert nicht mehr die Rede sein: Der Chef ist nicht nur im übertragenen Sinn ein Schwein, Sexismus und Undankbarkeit der Kollegen sowie der Alltagsdruck werden schonungslos dargestellt. Dieser Fatalismus in grellen Farben und mit aggressivem Soundtrack zielt auf ein Publikum ab, das mit Pop-Metal, japanischen Animes, Konsumverhalten und postadoleszenter Depression aufwuchsen. 

Nach 100 einminütigen Folgen (das Höchstmaß von Büro-Ausrastern, das auf Instagram toleriert wird) wird die Serie 2018 von einer berühmten Streaming-Plattform, die ihren Dienst auf japanische Animes erweitert hat, in 15-Minuten-Happen ausgestrahlt. In den USA kennt man bereits Zeichentrickserien wie Happy Tree Friends (mit trashig-süßen Tierchen, die sich erst lieb haben, bevor ihnen die Gliedmaßen abgetrennt werden) oder Metalocalypse (als Vertreter der LOL-Metal-Kultur). Doch Retsuko ist nicht nur Serienheldin, sondern vor allem auch Maskottchen. Sie wurde vom japanischen Unternehmen Sanrio kreiert, das mit Hello Kitty seinen größten Erfolg hatte, die 1974 ihren Siegeszug antrat. Sanrio hat mit seinen kindlichen Figuren sowohl bei Erwachsenen Erfolg, die die Katze erst nach dem Abitur adoptierten als auch bei denen, die mit ihr aufwuchsen. Mit 400 Maskottchen, die ein Publikum bedienen, das immer stärker nach Kawaii-Eskapismus lechzt, macht sich das gewinnversprechende Sanrio-Rezept nun auch den todbringenden japanischen Büroalltag zunutze: Das japanische Wort Karōshi bedeutet so viel wie „Tod durch Überarbeitung“, ein Phänomen, das seit den 70er Jahren als Epidemie anerkannt ist und Arbeiter betrifft, die immer mehr Zeit im Büro verbringen.

Während die Sanrio-Maskottchen früher meistens vorbildliche kleine Konsumenten und Vorbilder für Fans waren, änderte sich das Bild 2015 mit Gudetama. Diese neue Figur sorgte weltweit für Aufsehen, obwohl es sich nur um ein faules Eigelb handelt, das von Depressionen geplagt ist und sich nicht einmal dazu aufraffen kann, das Fernsehprogramm umzuschalten. Gudetama verkörpert negative und pessimistische Werte, ist aber dennoch niedlich, spricht mit Kleinkindstimme und tut alles für eine Handvoll Yen. Wenn man den Marktforschungs-Untersuchungen von Sanrio glauben mag, dann sind ihre Kunden junge desillusionierte Berufstätige mit Hang zu Prokrastination und Selbstgeißelung. In diesem Fall hätten die Maskottchen, die in imaginären Welten ein schlechtes Leben vorleben, glänzende Tage vor sich. Es ist übrigens nicht ohne Ironie, dass gerade eine Animeserie die Arbeitsüberlastung kritisiert: Besonders in der Animeproduktion verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen wegen der immer größer werdenden Nachfrage nach japanischen Serien, die meistens von Streamingdiensten bezahlt werden – darunter übrigens auch die, die Aggretsuko anbietet.

Wird Ken die Anime-Krise überleben?

tracks.arte.tv

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