TRACKS NEWS / 11-02-18 / Durch die Hölle
human flow

Durch die Hölle

Mit Human Flow hat der berühmteste Dissident Chinas einen Film über die größte Flüchtlingsbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg gedreht: Diese Woche kommt die schockierende Dokumentation in die französischen Kinos.

„1989, am Ende des Kalten Kriegs, hatten 11 Länder Grenzmauern errichtet, heute sind es 70.“ Ein ebenso einfacher wie wirkungsvoller Satz, so wie die meisten Sätze in dieser dokumentarischen Odyssee von Ai Weiwei. Der Film wurde mit Unterstützung der Vereinten Nationen über ein Jahr hinweg in 23 Ländern gedreht und zeigt in kommentarlosen 2 Stunden und 20 Minuten das riesige Ausmaß der weltweiten Fluchtbewegungen. Sowohl direkt in den Flüchtlingslagern als auch in langen Kameraeinstellungen aus der Vogelperspektive macht der chinesische Künstler das Ausmaß der Katastrophe begreifbar: das Elend der Rohingya in Bangladesch. Die Zerstörung des Dschungels von Calais. Ein palästinensisches Flüchtlingslager, das bereits vor sechzig Jahren errichtet wurde. Oder das mit rund 500.000 Bewohnern größte Flüchtlingslager der Welt in Kenia.

Ai Weiwei lässt Politiker zu Wort kommen, Sprecher des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen und Flüchtlinge – oft ist er in diesen Unterhaltungen selbst im Bild zu sehen. Der umtriebige Weltstar der zeitgenössischen Kunst hat am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, im Lager zu leben: Mit einem Jahr kam er mit seiner Familie in ein Arbeits- und Erziehungslager im Nordosten Chinas, weil sein Vater, ein regimekritischer Dichter, in Zeiten der Kulturrevolution als „Volksfeind“ galt. Zwei Jahre später, 1960, wurde die Familie in die Wüste Gobi geschickt. Später, Anfang der 80er Jahre, begann Ai Weiwei in den USA ein neues Leben im Exil. 2016 zeigte Tracks eine Sondersendung über den „Andy Warhol des Reichs der Mitte“, in der er noch einmal von den Jahren seines Dissidententums erzählte.

Mit Human Flow zeigt Ai Weiwei zum einen, wie schnell und einfach Flüchtlinge Opfer von Ausbeutung werden. Zum anderen unterstreicht er aber auch die Notwendigkeit des Zusammenlebens verschiedener Völker – in einer Zeit, in der 65 Millionen Menschen auf der Flucht sind.