Anatomie einer Gegenkultur von Greil Marcus

Wie lassen sich Gegenkultur und Rebellion in die offizielle Geschichtsschreibung integrieren? Greil Marcus, unser Gast in der Punk-Sonderausgabe von Tracks, hat sich dieser Herausforderung gestellt.

Der US-amerikanische Kritiker und Musikjournalist Greil Marcus begann seine Karriere mit einer bitterbösen Kritik zur Neuauflage eines The-Who-Albums für den Rolling Stone. Mittlerweile zählt er zu den wichtigsten Autoren des berühmten Musikmagazins. Unter dem Eindruck der Situationistischen Internationale der 1950er und 1960er Jahre, der Arbeiten von Guy Debord und der anarchistischen Bewegungen in den USA, die den Vietnamkrieg und die Konsumgesellschaft in Frage stellten, veröffentlichte Greil Marcus 1975 seinen ersten Essay Mystery Train, in dem er den Bogen von den ersten Bluesmen zu Elvis Presley schlägt.

„Die Vergangenheit lebt in uns, wir wiederholen nur Geschichten, die schon lange vor unserer Zeit geschrieben wurden. Wir verändern sie, wir passen sie unserer Zeit an, aber sie kommen nicht vom Himmel gefallen.“

In seinem Werk zeigt er die Geschichte der Gegenkulturen in den Vereinigten Staaten als fundamentalen Bestandteil der US-amerikanischen Geschichte. Der Geist der Rebellion ist bei Marcus nicht länger eine gesellschaftliche Randerscheinung, sondern wird zum kulturellen Nährboden. Diese Vorstellung spricht auch aus dem Buch „Lipstick Traces“, in dem er den Punk als uralte Geisteshaltung beschreibt, die schon im Mittelalter existierte. So besitzt der in den 1970er Jahren populäre afro-amerikanische Musiker Sly Stone für Marcus den gleichen politischen Einfluss wie der ehemalige Sklave und abolitionistische Intellektuelle Frederick Douglass aus dem 19. Jahrhundert.

Eine Reportage von Paul Rambali
Kamera: Thierry Gautier
Ton: Antoine Benguigui