TRACKS NEWS / 05-12-17 / Wie die Superreichen die Ku...
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Wie die Superreichen die Kunst beflügeln – ganz ohne Geld …

Wer sich um die Kunst verdient machen will, braucht kein Mäzen zu sein. Es reicht, sich einfach nur als Anschauungsobjekt zur Verfügung zu stellen. Wir stellen Künstler vor, die sich von der Macht des Geldes nicht im Geringsten beeindrucken lassen. 

Die Superreichen sind eine sehr spezielle Bevölkerungsgruppe. Eigentlich sind es ganz normale Menschen, nur eben reicher als die anderen. Ziemlich viel reicher. Tendenz steigend. Laut dem aktuellen Reichtumsbericht des Immobilienberatungsunternehmens Knight Frank wird sich die Zahl der Haushalte mit einem Vermögen von mehr als 30 Millionen US-Dollar in den kommenden 10 Jahren um 43 % erhöhen: Ein rasanter Zuwachs! Der Streit zwischen denen, die dies für eine Fehlentwicklung halten, und denen, die darin positive Auswirkungen auf unsere Gesellschaft erkennen, ist im vollen Gange – allerdings nehmen die Superreichen davon kaum Notiz. Da sie nur schwer zu fassen sind, die Öffentlichkeit (und das Finanzamt) meiden und fast nur unter ihresgleichen verkehren, muss man versuchen, ihnen mit anderen Mitteln beizukommen. Zum Beispiel mit Kunst und Satire. Blicken wir den Superreichen doch gemeinsam in die Karten.

Im neuesten Videoclip der Band Infecticide, die 2014 bei Tracks vorgestellt wurde, sticht eine Gruppe von Männern mit dem Schiff in See. Es ist zwar keine Jacht, aber die lässig über den Schultern getragenen pastellfarbenen Pullover und die helmartigen Kunststoffperücken (die Band hat eine Schwäche für wilde Kostümierungen) lassen einen traditionell-großbürgerlichen Hintergrund erahnen, der dezent von Reichtum zeugt. Die lustige Truppe begibt sich also auf große Fahrt und lässt das Festland hinter sich, doch als der Ozean sich als eher unfreundliches Gewässer entpuppt, müssen alle zurück ans rettende Ufer. Das besteht allerdings aus Schlick und Schlamm, und auch mit den Bewohnern dieser wenig einladenden Gestade bekommen es die Gestrandeten zu tun ...

Bei Superreichen denkt man oft an Menschen, die für den von ihren Eltern geerbten Reichtum keinen Finger krumm machen mussten. Dabei hat die weltweite wirtschaftliche Entwicklung in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nicht nur zu einer Verringerung der extremen Armut geführt, sondern in gleichem Maße auch Menschen dabei geholfen, sich ein Vermögen aufzubauen (vor allem in den USA). 1996 lag der Anteil der Selfmade-Millionäre noch bei 45 %, 2016 sind 70 % der weltweiten Millionäre aus eigener Kraft zu Reichtum gekommen, vor allem durch Finanzgeschäfte und neue Technologien. Für die einen ein wichtiges wirtschaftliches Regulativ, für die anderen eine Welt voller geldgieriger Heuschrecken: Der Finanzsektor lässt niemanden kalt. Undurchsichtige Transaktionen, Finanzbewegungen in unvorstellbarer Höhe und weltweite Verflechtungen bestimmen unseren Alltag – dieser Auffassung ist zumindest die Denkfabrik „Désensorceler la finance“ (Die Finanzwelt entzaubern), die mit ihren Konferenzen und Performances ein klares Ziel verfolgt: „Dieser Zustand der Verhinderung, der Einengung, der Erstickung erfordert das Aufbrechen von Dingen, die etwas mit Verzauberung, mit der Handlungsunfähigkeit von Gebannten zu tun haben.“ Rote Magie gegen grüne Magie: Am 27. Oktober dieses Jahres kamen in Brüssel Künstler und Aktivisten zusammen, um okkulte Mächte anzurufen und die Flamme des Widerstands zu entfachen. Denn wenn extremer Reichtum etwas Übernatürliches ist, muss man zur Entzauberung der Finanzwelt schon auf magische Mittel zurückgreifen.

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Rituel de désenvoutement de la finance

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Aus einem Bericht der Hilfsorganisation Oxfam ging 2016 hervor, dass die Hälfte des Reichtums dieser Welt in den Händen von gerade einmal 62 Menschen liegt. Zur Erinnerung: Auf der Erde leben mittlerweile etwa 7,5 Milliarden Exemplare des Homo Sapiens. Die Super-Superreichen lassen die einfachen Sterblichen von einem Luxusleben träumen, wie es sonst nur die Prinzen und Prinzessinnen im Märchen führen. Dabei ist bekannt, dass sich Menschen mit mehr Geld auch mehr Sorgen machen – und mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen haben. Zum Beispiel diese jungen Chinesinnen mit vom Schönheitschirurgen designten Antlitz, deren Schluchzen millionenfach auf Instagram widerhallt. Ach, als Superreicher hat man’s schon schwer ...!

Eine Vorstellung von der Verdorbenheit des Adels erhält man durch die Werke der irischen Malerin Genieve Figgis. Die von dem Maler und Fotografen Richard Prince auf Twitter entdeckte Künstlerin interpretiert Adelsporträts aus dem 18. Jahrhundert auf ihre ganz eigene Weise. Ob zu Pferde vor ihrem Landsitz, in herrschaftlicher Pose vor einem monumentalen Kamin oder lustwandelnd durch endlose Gärten – die Gesichter der Personen verlaufen in dicken Farbkrusten, als wären sie Zombies, die sich allmählich zersetzen. Diese morbiden, beklemmenden Porträts von Superreichen lassen einen darüber nachdenken, ob es nicht vielleicht doch besser ist, von Luft und Liebe zu leben …

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Genieve Figgis

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Vor der Veröffentlichung seines Welterfolgs „Der große Gatsby“ über einen mysteriösen Millionär schrieb der bekannte US-amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald die Kurzgeschichte „Junger Mann aus reichem Haus“. Hier ein Auszug: „Lassen Sie mich von den wahrhaft reichen Leuten erzählen. Das sind keine Menschen wie Sie oder ich. (…) Sie halten sich aus tiefster Überzeugung für etwas Besseres als wir, weil wir erst einmal für uns selbst entdecken mussten, wie man sich im Leben einrichten und schadlos halten kann. Sie mögen noch so tief in unsere Welt einsteigen oder gar unter uns hinabsinken, so glauben sie dennoch, etwas Besseres zu sein als wir.“ Die Superreichen von heute geben sich nicht mehr damit zufrieden, unter sich zu bleiben und sich auf Privatinseln zurückzuziehen. Bald schon werden sie sich unter der Erde in Super-Luxusbunkern einrichten, weil sie glauben, dass wahrer Reichtum bedeutet, den Tod umringt von seinem Geld zu erwarten. Und so dämmern sie unterirdisch dem Ende der Welt entgegen, den Rücken wundgelegen von den vielen Goldbarren unter ihrer Matratze …