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NEOBAROQUE

Neo-Barock: Musik für Nerds und Punks

Wer nicht gerade am Konservatorium studiert, hat mit Barock eher wenig am Hut. Doch allen Cembalo-Unkundigen sei versichert, dass sich eine nähere Beschäftigung mit der Epoche und ihren Meistern durchaus lohnt. Die Nachfahren von Bach und Co. liefern sich nämlich einen erbitterten Kampf um die Deutungshoheit über das barocke Erbe.

Wir schreiben das Jahr 1974: Ein androgyner Freddie Mercury stürmt mit „Killer Queen“ die Hitparaden und versetzt das Vereinigte Königreich in Aufruhr – nicht nur mit seinem ungewöhnlichen Vibrato, sondern auch mit schrägen Outfits und Performances, die bei vielen für Stirnrunzeln sorgen und immer wieder als „barock“ geschmäht werden. Barock? Die Gruppe Queen ist auffällig, exzentrisch, sicherlich auch manchmal befremdlich, aber barock? Vor allem im angelsächsischen Sprachraum, aber auch bei den Franzosen, wird „barock“ häufig verwendet, um Dinge zu bezeichnen, die wunderlich, überzeichnet und virtuos zugleich sind – wie die Band um den divaesken Freddie Mercury, die zu einer Ikone der Popmusik geworden ist. Allerdings ist der Begriff ein wenig schwammig: „Barock“ ist alles, was die Grenzen des guten Geschmacks auslotet und gerne auch mal überschreitet, was wegen seiner Originalität und Unkonventionalität bejubelt, aber aus den gleichen Gründen auch als seltsam und verschroben abgelehnt wird.

Kunstgeschichtlich beginnt das Barock gegen Mitte des 16. Jahrhunderts in Italien: Unter dem Einfluss der Gegenreformation, die sich gegen die von den Protestanten proklamierte Enthaltsamkeit richtet, versucht die katholische Kirche, die Herzen der Gläubigen mit kolossalen und prunkvollen Sakralbauten zurückzuerobern. Damals spricht noch niemand von Barock, der Begriff taucht erst Anfang des 18. Jahrhunderts in Frankreich auf, wo er zur Verhöhnung von Architektur und Malerei der italienischen Widersacher verwendet wird. „Wie können diese Spaghettis es wagen, sich in der Kunst solche Freiheiten herauszunehmen?!“, tönt es aus den Salons, wo man zwischen zwei Gläsern Rotwein Hymnen auf die sprichwörtliche französische Eleganz singt und die Revolution preist. In seiner Encyclopédie méthodique aus dem Jahr 1788 beschreibt der Kunstkritiker und Architekt Antoine Chrysostôme Quatremère de Quincy (der vor allem für den Umbau der Pariser Kirche Sainte-Geneviève zum Panthéon bekannt ist) die sonderbaren Auswüchse der italienischen Baukunst als „barock“, weil sie sich vom architektonischen Ideal entfernen. Barocke Werke werden als verschrobene Übersteigerung gebrandmarkt, in der sich der Verfall einer Zivilisation widerspiegelt, die einen bereits erreichten Höhepunkt nicht zu übertreffen vermag. Italien habe so viele Kunstwerke erschaffen, dass seine Künstler dem Niedergang geweiht seien. Verblendet von der eigenen Genialität hätten sie sich eines beispiellosen Verbrechens schuldig gemacht: der Neuschöpfung. Tatsächlich sind die großen Barockkomponisten nicht nur Virtuosen, sondern auch wahre Musiknerds, die durch ihre leidenschaftliche Suche nach neuen Ausdrucksformen einen wesentlichen Beitrag zum musikalischen Repertoire und zur Musiktheorie geleistet haben. Der 1678 in Venedig geborene Antonio Vivaldi war katholischer Geistlicher und ein Meister der Geige. Der Mann mit dem roten Haarkranz sorgte schon zu Lebzeiten für Furore, als er das Priesteramt aufgab und Leiter eines Mädchenorchesters wurde, für das er zahlreiche Konzerte schrieb – darunter auch die berühmten „Vier Jahreszeiten“, die von den armen Waisenkindern vermutlich das ganze Jahr über gespielt werden mussten.

Der italienischstämmige Komponist Jean-Baptiste Lully erschuf derweil am Hofe Ludwigs XIV. eine typisch französische Form der Oper, die Tragédie lyrique. Passend zum extravaganten Versailler Hofstaat entwickelte er eine Aufführungsform, die sich durch theatralische und tänzerische Elemente ebenso von ihren italienischen Vorbildern unterschied wie durch ihre geradezu mechanische Inszenierung. Durch seinen Einfluss gelang es dem Komponisten mit Migrationshintergrund schließlich sogar vom König, der ihn bereits zum Surintendant de la musique du roi ernannt hatte, eine Monopolstellung innerhalb des französischen Musik zu erwirken: Ohne Lullys Einverständnis ging auf der Bühne gar nichts! War Lully größenwahnsinnig? Auf jeden Fall ein Kontrollfreak, der das gesamte musikalische Geschehen im Land unter seiner Obhut wissen wollte. Was dagegen den illustren Johann Sebastian Bach angeht, zählen seine Werke zu den meisteingesetzten Musikstücken in Film und Werbung – und haben sich so ins Unterbewusstsein unzähliger Menschen gebrannt. Dabei stammte Bach zwar aus einer Musikerfamilie, war ein hervorragender Klavierspieler, hatte großen Einfluss auf nachfolgende Komponisten wie Mozart und Beethoven und fristete ein auskömmliches Dasein, doch der große Erfolg war ihm zu Lebzeiten nicht vergönnt. Er geriet sogar recht schnell in Vergessenheit. Der eigentliche Star zu Bachs Zeiten war sein enger Freund Georg Philipp Telemann: Der galt als talentierter, trinkfester und wurde vor allem wesentlich besser bezahlt als der arme Johann Sebastian. Telemann lehnte sogar die Stelle ab, die Bach für den Großteil seiner Karriere bekleidete – den Posten als Kantor der Thomaskirche in Leipzig. Er war so produktiv und beliebt, dass Musikfreunde aus ganz Europa, von Spanien bis Skandinavien, Stücke bei ihm in Auftrag gaben. Man könnte ihn fast als Rockstar des Barocks bezeichnen, der allerdings nicht Gitarre spielte, sondern ein Instrument, das in Sachen Ausdruck mehr zu bieten hat als Klampfe und Klavier zusammen: das Cembalo.

Nachdem wir nun die Grundlagen für eine gepflegte Party-Konversation gelegt haben, wollen wir uns jetzt mit den Einflüssen des Barocks auf die zeitgenössische Musik beschäftigen. In Popkultur und Underground finden sich zahllose Beispiele für Künstler, die sich aus dem Barock bedient haben und denen eines gemein ist: Konventionen sind ihnen egal. Anfang der 1980er Jahre machte der deutsche Countertenor Klaus Nomi mit einer Mischung aus New Wave und Oper von sich reden. Sein exzentrischer Stil, seine Plastikoutfits, die viele Modedesigner inspiriert haben, und seine extrem künstliche Interpretation der Arie „Oh What Power Art Thou“ aus der Semi-Oper „King Arthur“ machten ihn zur Kultfigur. Dabei versuchte Nomi, die tragische Expressivität der Komposition von Henry Purcell mit skurrilen Kostümen, heftigem Make-up und einer spacigen Instrumentierung zu transportieren:

Ab den 1960er Jahren wurde das Barockrepertoire für musikalische Cross-over-Projekte immer häufiger wiederentdeckt. So nahm Wendy Carlos Bach-Kompositionen in elektronischer Version neu auf (ebenso wie Stücke von Purcell und Beethoven, die später den Soundtrack zu Clockwork Orange zieren sollten), und der Pianist Jacques Loussier interpretierte sie in einer jazzigen Variante. Schon damals entzweite die Frage, ob das denn guter Geschmack sei, Puristen und Avantgardisten: Wer mit der Klassik spielt, spielt mit dem Feuer. Auch später konnte man sich sicher sein, dass jeder Guitar Hero, der sich mit verzerrtem Sound und wehender Haarpracht an klassischen Werken versuchte, dafür ein Barockstück ausgewählt hatte. So gehört der 3. Satz des Sommers aus Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ zu den besonders häufig mit der Gitarre gecoverten Kompositionen – und bietet sogar die Möglichkeit zu differenzierter Spieleleganz, wie dieses Duo aus Montreal zeigt:

Da wir die Frage nach dem guten Geschmack an dieser Stelle nicht klären können und wollen, wenden wir uns lieber einem weiteren Highlight des „Neo-Barock“-Trends zu. Der selbsternannte Gitarrenvirtuose Yngwie Malmsteen gönnte sich 1998 einen Auftritt mit dem Japanese Philharmonic Orchestra, um seine klassisch anmutenden Eigenkompositionen auf der E-Gitarre zu schrammeln. Und damit das Ganze noch authentischer wirken sollte, warf er sich dafür in ein vermeintlich passendes Outfit mit Rüschenhemd und Samt-Gehrock – die Haare sehen eh aus wie eine Allongeperücke …

Wohl gemerkt, es handelt sich nicht um ein Cover, sondern um eine Neukomposition nach barockem Vorbild. Doch auch wenn es als Hommage an die Violinen-Soli der Barockzeit gemeint sein sollte, riecht der Auftritt allzu sehr nach Selbstbeweihräucherung. So degradiert sich Malmsteen quasi selbst durch seinen Mangel an Coolness, die man als Guitar Hero eigentlich haben sollte. Doch manchmal gelingt auch der Sprung von schlechtem Geschmack zu Kitsch, wie bei dieser kostümierten Truppe aus Deutschland:

Der Italiener Umberto Eco formulierte die Theorie, Kitsch folge der Entwicklung von Kultur und Massenkonsum: Kitsch sei etwas, das Dinge kopiere und sich dabei auf bestehende Vorbilder berufe – wie billige Kunstdrucke berühmter Gemälde, die Touristen aus dem Urlaub mit nach Hause nehmen, weil das mit dem Original ja nicht geht. Die Mona Lisa auf einen Kaffeebecher zu drucken, hat schließlich weniger mit künstlerischen als mit kommerziellen Anliegen zu tun. Sobald also versucht wird, Musiker in Kostüme zu stecken, damit es „original“ aussieht, wird der geschmäcklerische Musikliebhaber hellhörig. Als die italienische Formation Rondo Veneziano in den 1980er Jahren mit Mainstream-Barock zu Schlagzeugrhythmen in paillettenbesetzten Kostümen die Hitparaden stürmte, genossen ihre Erfolgsalben in etwa die Anerkennung von Supermarktware.

Doch egal ob man so etwas als lächerlich oder revolutionär empfindet: Der Bruch mit dem „guten Geschmack“ der mit der Faust aufs Auge sentimentale Abgründe auslotet, hat ein enormes subversives Potenzial. Deshalb sollte man auch nicht über den Schlagersänger von heute spotten, der sehr wohl eine Inspirationsquelle für den Prince von morgen sein kann … Für viele Autoren liegt die eigentliche kunsthistorische Bedeutung des Barocks übrigens darin, dass die Epoche ein Paradebeispiel für stilistischen Wandel liefert. Wenn der Philosoph Gilles Deleuze von Barock spricht, legt er sein Augenmerk auf eine Ästhetik, die auf Unregelmäßigkeit, Bewegung und Maßlosigkeit beruht. Und dass immer wieder gerade auf diese Epoche zurückgegriffen wird, liegt auch daran, dass sie im Widerspruch zu einem erstarrten klassischen Kunstbegriff steht. Rondo Veneziano mögen von vielen als Gipfel der Geschmacklosigkeit gescholten werden, doch die Gruppe hat das französische Duo Daft Punk beeinflusst, dessen Musik in den 2000er Jahren alles andere als geschmacklos empfunden wurde. Die Zeiten ändern sich, Roboter haben heutzutage ein besseres Image, und dieser Videoclip aus dem Jahr 1981 gilt mittlerweile nicht mehr als lächerlich, sondern als avantgardistisch:

Barock zu sein bedeutet auch, die bestehende Ordnung in Frage zu stellen. Mehr noch als die Kostüme sind es das Gespür für Kontrast und Ausdruck, die Mischung verschiedenster Elemente, die eine solche Bezeichnung rechtfertigen. In Lateinamerika beispielsweise spricht man in der Malerei, Musik und Literatur von „Neo-Barock“, wenn sich die Kulturen der Kolonialherren und der indigenen Völker zu einem neuen Ganzen verbunden haben, das Raum für verschiedene Identitäten zulässt. Wer also den Musikern von heute die gesamte Bandbreite des vernetzten Wissens zur Verfügung stellt, stößt hinter irgendeinem Netzknoten auf dieser Welt auf die Erben des Barocks.

  • In der Tracks-Folge vom 22. Juni stellen wir in unserer Reportage über das Neo-Barock die folgenden drei Künstler vor:

The Noise Consort

Die Formation The Noise Consort, die erst kürzlich auf dem Switch Festival im Théâtre de Vanves zu sehen war, stellt ein computergesteuertes kolbenbetriebenes Cembalo auf die Bühne. Tasten- und Blasinstrumente werden mit dem Rechner bearbeitet, um aus dem Noise die Kontraste und die Seele des Barocks herauszukitzeln. Exklusiv für Tracks haben The Noise Consort einen Special-Barock-Mix gebastelt, bei dem Telemann auf Ennio Morricone und die Metalband Meshuggah trifft.

Igorrr

Der Franzose Gautier Serre (alias Igorrr) ist wie sein älterer kanadischer Kollege Venetian Snares diplomierter Musik-Mixologe und legt seinen Rokoko-Breakcore über schluchzende Riffs. Ursprünglich fand er das Cembalo lächerlich, doch mittlerweile hat er auf der Meta-Ebene seinen Spaß daran gefunden.

Mister Marcaille

Last but not least lässt Mister Marcaille die Saiten seines verstärkten Cellos zu bärigen Urschreien schrummeln – in Unterhose, der stilvollen Eleganz wegen.