Beim Cybathlon haben Behindertensportler die Nase vorn

Lassen sich mithilfe von Elektronik und hartem Training die Medaillengewinner von morgen in Augmented Reality erschaffen?

Tracks war vor Ort bei den Olympischen Spielen für Cyborgs: Bis an die Zähne mit Technik ausgerüstet lieferten sich 74 Behindertensportler aus 25 Ländern beim ersten Cybathlon in Zürich Rennen mit bionischen Beinprothesen, liefen Parcours mit robotischen Exoskeletten oder starteten virtuelle Wettläufe mithilfe der bloßen Willenskraft. Beim Cybathlon nach einer Idee von Robert Riener, Professor für Sensomotorische Systeme am Departement für Gesundheitswissenschaften und Technologie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, treten Cyborgs in scheinbar einfachen Disziplinen wie Wäsche aufhängen oder von einem Stuhl aufstehen gegeneinander an. Riener will auf diese Weise auf die Herausforderungen, vor allem aber auf die Fortschritte der Biomechatronik aufmerksam machen – eine Disziplin, die ihm besonders am Herzen liegt: „Solange die Technologie keine Gefahr für den Menschen darstellt und man sie sich unproblematisch und freiwillig besorgen kann, solange die Menschen wählen können, ob sie sie nutzen möchten oder nicht, sollten wir sie dazu verwenden, unsere Lebensqualität zu verbessern.“

Wie im Formel 1-Sport bestehen die Mannschaften aus Piloten und Teamleitern, die von Maschinenbauingenieuren unterstützt werden. Die Ursprünge des Cybathlon sind die mechanischen Prothesen, die Menschen mit Behinderung seit dem Mittelalter den Alltag erleichtern. Der Sport geht viel weiter als die Paralympics, bei denen leistungssteigernde Hilfsmittel verboten sind. Damit liefert er einen Vorgeschmack auf die Olympischen Spiele der Zukunft, denn der Wettbewerb kündet von einem neuen Sportlertypus: dem bionischen Athleten.

Zu den Stars des Events zählt Carlos Felipa Cordova, ein stämmiger Kerl mit Beinprothese, Kapitän der paralympischen Mannschaft Perus und ehemaliger Hauptmann der peruanischen Anti-Terror-Spezialeinheit: „Das eine ist ohne das andere nicht vorstellbar. Ohne den Menschen wäre kein technologischer Fortschritt möglich. Im Gegenzug sichert die Technologie das Überleben der Menschheit.“

Biomechanische Prothesen, die dafür entwickelt wurden, nach einem Unfall oder von Geburt an behinderten Menschen den Alltag zu erleichtern, sind mittlerweile so perfekt, dass sie sich von ihren biologischen Vorbildern kaum noch unterscheiden – und diese eines Tages vielleicht sogar überflügeln werden: Wer hat zum Beispiel bei der Montage eines Billy-Regals noch nicht davon geträumt, ein drehbares Handgelenk zu besitzen? Oder einen dritten Arm, um sich während der entscheidenden Flipper-Partie den Rücken kratzen zu können? In der Computerspielserie Deus Ex sind körperliche Erweiterungen zunächst eine Modeerscheinung, werden dann allerdings zum Stigma. Und auch in vielen SF-Romanen wird immer die gleiche Frage aufgeworfen: Sind wir bereit für eine Zukunft, in der die Technologie vom menschlichen Körper Besitz ergreift oder wollen wir lieber zurück in die Steinzeit?