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Keiner kopiert besser: „Star Wars“ als chinesischer Comic

China ist bekanntlich das Eldorado der Raubkopierer. Filme wurden dort schon vervielfältigt, bevor es DVD und Internet gab! Wie das geht? Ganz einfach: Man nehme den Stoff eines amerikanischen Blockbusters und verarbeite ihn ohne Einverständnis der Studios in einem Comic, der dann millionenfach gedruckt wird.

Ihr glaubt, alles über Star Wars zu wissen? Ihr kennt die exotischsten Versionen der Weltraumsaga und alle Fan-Remakes ? Nun, wir haben etwas Neues: Ein chinesisches Comic auf Grundlage des Lucas’schen Erfolgsfilms, ausgegraben von der Historikerin Maggie Greene. Das Werk wurde von Song Feideng gezeichnet und erschien 1980 bei Yuebei Press (also drei Jahre nach dem amerikanischen Kinostart des ersten Films) im traditionellen chinesischen Lianhuanhua-Format. Die Geschichte folgt dem Handlungsstrang des Originals – doch der echte Reiz dieser „Fälschung“ liegt in den Details. 

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Star Wars - lianhuanhua

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Die sehr, sehr weit entfernte Galaxis der Chinesen ist wesentlich realitätsnäher als die Vorlage. So wurde bei den Landgleitern von Tattooine der Repulsorlift-Antrieb kurzerhand durch Räder ersetzt; die Laserschwerter der Jedi erinnern eher an Leuchtstoffröhren aus dem Baumarkt und sind mit einem Parier ausgestattet, was praktisch ist, um sich nicht die Hand abschlagen zu lassen. Und weil die fantastischen Tierwesen des amerikanischen Films biologisch nicht wirklich haltbar sind und man das Volk lieber anhand realer Beispiele weiterbilden sollte, reitet Darth Vader in der fernöstlichen Version auf einem Triceratops daher, während Chewbacca verdächtig einem Schimpansen ähnelt. Die Storm Troopers tragen mandalorische Rüstungen à la Boba Fett, die weit ausgefeilter sind als die amerikanischen Anzüge aus recyceltem Plastik (und logischer angesichts der Ereignissen in Episode II, wo man erfährt, dass sie eigentlich alle Klone des Kopfgeldjägers sind). Letzter Beweis dafür, dass Fälschungen manchmal besser sind als ihr Original: In der abschließenden Freudenszene tauschen C3PO und R2D2 einen innigen Kuss, der belegt, was alle längst ahnten und die Lizenznehmer nie explizieren wollten: Roboter haben Gefühle, und der große Goldene ist ganz klar in den kleinen Rundling verliebt. Wer wissen will, wie die Lianhhuanhua-Version von Star Wars aussieht, findet einen kompletten Scan auf dem Blog The Wayward Historian von Maggie Greene.

Star Wars lianhuanhua - scan

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Wem das alles ein bisschen Chinesisch vorkommt, der findet hier die englische Übersetzung:

Star Wars lianhuanhua (english)

www.nickstember.com

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Lianhuanhua (wörtlich: „aneinandergereihte Bilder“) sind preiswerte kleine Comics in quadratischem Format und verkannte Kultobjekte der zeitgenössischen chinesischen Kultur. Das Cover ist meist farbig gestaltet, die Zeichnungen sind schwarz-weiß. Auf jeder Seite ist nur ein Bild zu sehen; eine Bildunterschrift ersetzt die Sprechblasen, die man aus amerikanischen und europäischen Comics kennt. Lianhuanhua entstanden ab dem frühen 20. Jahrhundert, als die Massenherstellung von Druckwaren durch neue Techniken und Rohstoffe sehr preisgünstig wurde, und richteten sich an ein breites Publikum. Ihre Entwicklung und ihre Themen entsprachen der Geschichte des Landes: Lieferengpässe während der japanischen Besetzung, Zensur, kommunistische Schönheitskorrekturen und Verarbeitung revolutionärer Stoffe unter dem Mao-Regime, dann ein Trend zu Hollywood- und Bollywoodthemen (!) dank einer sehr liberalen Urheberrechtspolitik, die durch die politische und wirtschaftliche Abschottung in China möglich wurde. Die Star-Wars-Adaptation fiel in eine Boomphase des Genres, das in den 1970er und 1980er Jahren massenweise gedruckt wurde. Allein 1985 erschienen 8,1 Milliarden Exemplare! Lianhuanhua wurden oft eher ausgeliehen als gekauft, standen in Büchereien zur Verfügung oder wurden in Bummelzügen als Lektüre verteilt. So kamen die Reisenden in den Genuss chinesischer Klassiker wie Die Reise nach Westen und Die Geschichte der drei Reiche sowie des belgischen Tim-und-Struppi-Bandes Die sieben Kristallkugeln

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Die sieben Kristallkugeln - lianhuanhua

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