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Digital Black Hole: Die Angst vor dem Vergessen

Speichern in der Cloud birgt stets die Gefahr, dass sich die Wolke irgendwann auflöst. Nur: Wohin mit all den Daten?

Ob auf USB-Stick, auf der Festplatte oder auf weit entfernten Serverfarmen: Die meisten kulturellen Erzeugnisse existieren heutzutage als Codes aus Nullen und Einsen. Natürlich gibt es immer noch Bücher, ein paar Gemälde, hie und da eine Filmrolle oder eine Schallplatte – doch eigentlich werden alle Informationen auf digitalen Speichermedien gesammelt und verbreitet. Letzte Woche sprachen wir von Neil Young und seinem tapferen Kampf gegen das MP3-Format. Das Ergebnis: Das Übermaß an Informationen und die Vergänglichkeit der Speichersysteme sind eine Gefahr für das kollektive Gedächtnis. 2015 prägte der US-Amerikaner Vint Cerf den Ausdruck des „Digital Black Holes“ als Metapher für das Risiko, alle digital gespeicherten Inhalte für immer zu verlieren. Der Internet-Pionier warnte vor der Obsoleszenz von Programmen und Daten aus den Anfangszeiten der Digitalisierung: „Fotos, die Ihnen wirklich wichtig sind, drucken Sie am besten aus.“ Mittlerweile beschäftigen sich immer mehr öffentliche Institutionen mit der Bewahrung von online gespeicherten Daten – allen voran die British Library, die seit 2013 digitale Erzeugnisse archiviert. Dennoch wird die Gefahr nicht kleiner: Einige Theorien halten einen Zusammenbruch von Wirtschaft und Energieversorgung für ein wahrscheinliches Zukunftsszenario. Verliert der Mensch ohne elektronische Endgeräte endgültig sein Gedächtnis?

Diese Vorstellung gewann in den 90er Jahren immer mehr Anhänger und beeinflusste auch die moderne Science-Fiction. Der Autor Neal Stephenson (Wegbereiter der Cyberpunk-Bewegung und Erfinder des „Metaverse“-Konzepts) veröffentlichte 2008 den Roman Anathem, der von seiner Arbeit an einer außergewöhnlichen Uhr inspiriert wurde: Die „Clock of the long now“ (die Uhr des langen Jetzt) oder „10.000 years clock“ wird von Amazon-Gründer Jeff Bezos in Millionenhöhe finanziert und auf dessen Grundstück in Texas entwickelt. Sie wird mit Solarpanels betrieben und soll über zehn Jahrtausende die Zeit zählen. Das digitale Schwarze Loch ist somit auch in den führenden Köpfen des Silicon Valley präsent: Sie wollen ihre Spuren und ihre Namen in der Geschichte hinterlassen.

Während die Uhr tickt, hat das Projekt Arch Mission ein anderes Ziel: Neue Erkenntnisse über neuartige Speichermöglichkeiten zusammenführen und dadurch wichtige Werke archivieren sowie den Wissensschatz unserer Spezies bewahren. Mithilfe von Quarzglas, das in fünf Dimensionen von einem Laser beschrieben wird, erstellt die Stiftung sogenannte „Arch Libraries“ - Bibliotheken, die die Zeit überdauern sollen wie die Tiere der Arche Noah die Flut. Als Elon Musk im Februar einen seiner Tesla ins Weltall beförderte, hatte das Auto einen Superquarz der Arch Mission an Bord – unter anderem mit der Romanserie Foundation des Sci-Fi-Meisters Isaac Asimov.

Das große Problem an modernen Speichermedien ist ihre Vergänglichkeit. Unsere Diskussionen in den sozialen Netzwerken sind nicht in Stein gemeißelt; selbst neue Wege zur Informationsspeicherung (z. B. DNS-Server) sind keine Lösung. Man kann einfach nicht alles speichern: Es wäre zu teuer und würde zu viel Energie verbrauchen. Da die staatlichen Behörden bereits genug damit zu tun haben, ihre Papyrus-Archivbestände zu erhalten, fühlen sich nun die Tech-Riesen in der Verantwortung, für das Überleben und die Archivierung der Erzeugnisse der digitalen Ära zu sorgen. Und wenn GAFA und Konsorten bestimmen, was gespeichert wird und was nicht, dann hat der Ratschlag von Vint Cerf nichts von seiner Gültigkeit verloren. Für alles, was euch wirklich wichtig ist (ein bisschen ausmisten schadet nicht), gilt: Druckt es aus, nehmt es auf oder kauft es auf Vinyl. Zu guter Letzt noch ein weiterer Vorschlag von Neil Young: „Listen to this music for half an hour. Have a beer, smoke some weed, take a walk, breathe some air, listen to it, see if it makes you feel different. It's better for your soul.“