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Starfix

Evil Dead, Videodrome: Starfix für den Genrefilm

In „Starfix“, der angesagtesten französischen Filmzeitschrift der 80er, wurden fast alle Kultfilme aus Hollywood ausführlich besprochen. Die Revue wurde von ein paar begeisterten Cineasten herausgegeben und erschien sieben Jahre lang. Jetzt wurden die besten Artikel in einem Sammelband mit dem Titel „Le cinéma de Starfix“ veröffentlicht. Aus diesem Anlass plaudert François Cognard, ehemaliges Redaktionsmitglied und Produzent, für uns aus dem Nähkästchen.

1983 beherrschte hatte die französische Nouvelle Vague ihren Zenit noch nicht überschritten, und die intellektuellen Cahiers du Cinéma beherrschten die filmische Fachpresse. Das Genrekino (Krimi, Horror, Fantastik, Science-Fiction) wurden von den französischen Medien erbarmungslos verrissen, gnadenlos abgeschossen oder zumindest mit missbilligendem Achselzucken quittiert. Klar gab es „Mad Movies“ und das Filmmagazin Écran Fantastique, in dem das aus den USA stammende wilde und unerschrockene Kino der Real Eighties eine Heimstatt fand. Doch die Starfix-Gründer wollten mehr: Christophe Gans vom Filmmagazin Écran Fantastique, Doug Headline vom Comic-Magazin Métal Hurlant, Nicolas Boukhrief, François Cognard, Christophe Lemaire und die anderen gerade mal Zwanzigjährigen wollen ihrem Filmverständnis eine eigene Stimme geben. 

Der Sammelband Le Cinéma de Starfix, erschienen im Verlag Hors Collection, vereint die besten Artikel aus den verschiedenen Ausgaben des Magazins, das mit der Filmkritik so manche Kämpfe ausgefochten hat. Das Vorwort von William Friedkin ist höchst schmeichelhaft: Der Regisseur von Der Exorzist lobt Starfix dafür, den Zeitgeist des Kinos der 1980er Jahre erkannt zu haben. Tracks bat François Cognard, der heute als Produzent arbeitet, um ein paar Anekdoten rund um die Besprechung zweier Kinofilme, die sowohl für das Magazin als auch für die Kinowelt eine wichtige Rolle spielten: The Evil Dead von Sam Raimi und Videodrome von David Cronenberg.

The Evil Dead

„Die erste Ausgabe von Starfix war wirklich genial. Mit Argento, Cronenberg und Sam Raimi landeten wir einen echten Volltreffer. Die Regisseure hatten noch keinen großen Namen in der Filmszene, waren unserer Meinung nach aber wegweisend.“

Der Film von Sam Raimi kam 1981 heraus und steuerte ein Merkmal zur Definition des Horrorgenres bei: Die abgelegene Hütte in einem finsteren Wald irgendwo in Amerika. Dass der Film 1982 in Cannes gezeigt wurde, verdankt der 24-jährige Regisseur seinem Produzenten Irvin Shapiro, einem der Gründer der Filmfestspiele. Das Team von Starfix holte ihn sogar im Hotel ab:

„Wir sahen den Film in Cannes und standen geradezu unter Schock. Also wollten wir den jungen Regisseur holen. Da es keinen offiziellen Pressesprecher gab, sind wir auf gut Glück losmarschiert. Witzig war, dass Stephen King und George Romero auch dort rumliefen. Sie bereiteten gerade den Film Creepshow vor, der Geschichten aus amerikanischen EC Comics nacherzählt.“

Einige Journalisten blieben der Kamera treu und arbeiten als Regisseure, Drehbuchautor oder Produzenten. Schon bei ihrer Arbeit für das Filmmagazin Starfix bewiesen sie einen Blick fürs Detail und ein besonderes Interesse an Technik:

„Bei Sam Raimi gab es hochdynamische Inszenierungen, und er hatte geniale Einfälle. Beispielsweise erfand er die berühmte „Shaky Cam“: Eine Technik, bei der die Kamera auf einem Mofa montiert wird, mit dem man dann durch den Wald fährt. Es gab auch sehr geschickte Einstellungen mit einer Kamera, die auf einer Konstruktion aus Holzplanken befestigt war, von zwei Leuten durch den Wald getragen wurde und so Hindernissen ausweichen konnte. Die Szenen waren echt genial gemacht, und wir haben uns oft gefragt, wie man das so hinkriegen kann.“

The Evil Dead (1981) by Sam Raimi - Original Trailer
Evil Dead (original trailer)
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„Sie haben uns diesen Umschlag mit lauter kleinen Fotos geschickt, das die Jungs vom Team geschossen haben, also kein offizielles oder geprüftes Werbematerial (…) Starfix hatte sich anfangs zum Ziel gesetzt, hinter die Kulissen zu blicken und die Kehrseite zu zeigen, vor allem bei einer Very-Low-Budget-Produktion, die von Kids in einer gottverlassenen Gegend irgendwo in den Vereinigten Staaten gedreht worden war.“

Auch französische Produktionen wurden in Starfix besprochen. Alle Redakteure waren sich einig, dass Genrefragen weniger wichtig sind als der Film selbst. Besprochen werden beispielsweise Der letzte Kampf von Luc Besson, Das Auge von Claude Miller oder Liebe und Gewalt von Zulawski.

„Ich kann mich erinnern, dass in einigen Ausgaben von Starfix auf genauso vielen Seiten über Evil Dead 2 wie über Thérèse von Alain Cavallier berichtetet wurde. Ich schrieb damals Artikel über Julien Duvivier, den ich vergötterte. Meiner Meinung nach wurde er verkannt und ausgegrenzt, insbesondere von der Nouvelle Vague.“

Videodrome

Im Vorwort zum Buch spricht Matthieu Kassovitz (Hass) von einer „vergangenen Zeit, in der das Business noch nicht über die Show bestimmte und das Konzept des Blockbusters gerade erst aufkam“. David Cronenbergs Videodrome kam in Kanada und den Vereinigten Staaten im Jahr 1983 heraus und hätte in Frankreich um ein Haar überhaupt nicht das Licht der Leinwand erblickt. 

„Videodrome war eigentlich ein Experimentalfilm, der den französischen Verleihern damals ziemliche Angst einjagte. Das war kein traditioneller Horrorstreifen, sondern ein prophetischer, subversiver Film. Ich erinnere mich an eine unglaubliche Sequenz, in der man Obdachlose zusammenpfercht, um ihnen ihre tägliche Dosis Fernsehen zu verabreichen und sie so ruhigzustellen. Das war bereits eine Warnung davor, dass sich Bilder zersetzend auf das soziale, politische und sexuelle Leben des Betrachters auswirken können."

Videodrome (1983) Original Theatrical Trailer
Videodrome (original trailer)
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Die Redaktion ergatterte eine einzige Videokassette von Videodrome und arbeitete hinter den Kulissen daran, dass der Horrorstreifen in Frankreich gezeigt wurde. Sie übte Druck auf die Verleiher ihres Bekanntenkreises aus und setzten sich in ihrem Kinomagazin vehement für den Film ein.

„Zu der Zeit war Cronenberg ein Zauberlehrling. Seinen Film könnte man als Studie über Medientheorien wie Baudrillards Theorem der Simulation oder Debords Begriff von der Gesellschaft des Spektakels bezeichnen; gleichzeitig muss der Regisseur aber auch das Lastenhaft abarbeiten, das ihm die kanadischen Produzenten aufgetragen haben, und die waren Exploitationfilme gewohnt. Ich habe sehr viel Respekt für Filmemacher, die den Zuschauern geben, was sie erwarten, das Genre aber gleichzeitig mit für die Zeit ziemlich revolutionären Ideen aushöhlen. Das gelingt Paul Verhoeven heute noch hervorragend mit seinen SF-Filmen oder seiner satirischen Gesellschaftskomödie Elle.“

Bevor einschlägige Internetforen und angesagte Youtube Kanäle aufkamen, gab’s die aktuellsten News für Genrefans am Kiosk! Ein großes Dankeschön an Starfix!