TRACKS NEWS / 11-06-18 / Fahrn, fahrn, fahrn …
(Fahr)Rad-Revolution

Fahrn, fahrn, fahrn …

Unterwegs mit dem Drahtesel zu neuen Horizonten.

Zweihundert Jahre alt und so jung wie am ersten Tag: Zwar hat die Menschheit eine Vielzahl fahrbarer Untersätze – Rollschuhe, Skateboards, Tretroller und Segway – entwickelt, aber das Fahrrad ist bis heute die ungekrönte Königin des Asphalts. Unter den muskelbetriebenen Fahrzeugen steht die zweirädrige Majestät wie kein zweites Fortbewegungsmittel (außer vielleicht dem Pferderücken) als Sinnbild für Freiheit – auch wenn sich an der Konstruktion des Gefährts seit Großmutters Zeiten kaum etwas verändert hat. Doch die alte Dame Fahrrad hat noch ganz andere Qualitäten, wie die dokumentarische Webserie „Fahr-Radikal!“ auf ARTE Creative veranschaulicht. Regisseur Marc-Aurèle Vecchione, dem wir auch die Referenz-Dokumentationen „Antifa, chasseur de skins“ und „Writers: 1983-2003, 20 ans de graffiti à Paris“ verdanken, beschäftigt sich in zehn Folgen mit der Renaissance der Fahrradkultur und trifft sich mit Menschen, die das Fahrrad bzw. dessen Nutzung neu erfunden haben. Dabei folgt die Kamera ihnen auf Speichenhöhe – oder hoch am Himmel mit spektakulären Luftaufnahmen. Radrennen, BMX, Trial … In jeder Folge wird ein anderer Aspekt der Bike-Mania vorgestellt und seine Geschichte erzählt. Gezeigt werden zum Beispiel illegale Rennen in Kopenhagen inmitten des Autoverkehrs oder wie der Brite Ben Travis über den Dächern von Paris einen angstschweißtreibenden Trial-Parcours fährt. Anschließend geht es weiter zum legendären Velodrom La Cipale, wo viele Jahre lang die letzte Etappe der Tour de France endete, und zu den geheimnisvollen Berlinern, die verlassene Fahrradwracks einsammeln, um deren gespenstische Überreste an U-Bahnen und Häuserfassaden zu hängen.

Für die Pionierin der US-amerikanischen Frauenrechtsbewegung Susan B. Anthony zählte das Fahrrad schon im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten Instrumenten im Kampf um die Emanzipation der Frau. Damals galt Fahrradfahren als unziemlich für „das schwache Geschlecht“, da es angeblich Zügellosigkeit und Exhibitionismus Vorschub leistete. Diejenigen, die sich über Sitte und Anstand hinwegsetzten, liefen Gefahr, dass sich ihre Röcke in den Fahrradspeichen verfingen, denn für Frauen war es verpönt Hosen zu tragen. Doch im Kampf um das Recht Fahrrad zu fahren, setzten die Frauen schließlich den Bloomer – eine Pluderhose, die das weibliche Knie zunächst noch züchtig bedeckt hielt – als fahrradtaugliches Kleidungsstück durch. Das Fahrrad war also schon immer für kleine Revolutionen gut, auch in der zeitgenössischen Kunst: Marcel Duchamp machte es 1913 mit seinem berühmten Fahrrad-Rad zu einer Ikone des Readymade. Kein Wunder also, dass am Anfang der Serie „Fahr-Radikal!“ die Dokumentation „Biking Boom – Das Fahrrad in Kunst und Pop“ steht und die Geschichte des Drahtesels als Faszinosum zahlreicher Künstler erzählt – von Max Oppenheimer über Ai Wei Wei und dessen monumentale Fahrradinstallationen bis zu Kraftwerk, die der Tour de France zum 100. Jubiläum 2003 ein ganzes Album gewidmet haben.

 

Und mit welchem Sportgerät hat die unverwüstliche Jeannie Longo zahllose Siege erkämpft? Ganz sicher nicht mit Rollschuhen! Wir dürfen also hoffen, dass die Menschheit noch ziemlich lange in die Pedale treten wird. Und wer lieber treten lässt, dem zeigen wir hier noch einmal unseren Beitrag „Bike Wars: Krieg auf zwei Rädern“, der im März bei Tracks lief.

Aufgepasst! Wer Fahrräder liebt und in Paris lebt (oder sich im Juni dort aufhält), dem empfehlen wir wärmstens das Festival Sans les mains, das vom 22. bis 24. Juni in La Villette stattfindet. Von Radrennen über Konzerte, Workshops und Filmvorführungen dreht sich dort alles um die Räder, die die Welt bedeuten!