TRACKS NEWS / 30-11-17 / Der Mensch ist dem Menschen...
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Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf

Was haben ein Rapper aus Tunesien, ein Youtuber aus Indien und ein Student aus Hongkong gemeinsam? Sie alle prangern die „illiberalen Demokratien“ in ihrer Heimat an.

Der englische Philosoph Isaiah Berlin sagte einst, die Freiheit des Wolfs bedeute den Tod des Lamms. Von diesem Gedanken ließ sich der britisch-amerikanische Regisseur und Politikwissenschaftler Rupert Russell zum Titel seines Polit-Epos „Freedom for the Wolf“ inspirieren. Der Film des Harvard-Absolventen sorgte auf dem letzten Dokumentarfilm-Festival von Sheffield für Furore. Er begleitet den Aufstieg diverser Protestbewegungen in den vergangenen drei Jahren. Gedreht wurde in Indien, Japan, den USA, Tunesien und Hongkong. Im Mittelpunkt steht die junge Generation, die in diesen Ländern durch verschiedenste Aktionen die von den Regierungen begangenen Ungerechtigkeiten anprangern. Ein Beispiel ist die „Regenschirm-Revolution“ in Hongkong. Dort gingen Studenten zu Tausenden gegen die Einschränkungen der Direktwahl nach der Rückkehr ihres Landes zu China auf die Straße.

Diese neue Generation von Aktivisten hat eins gemein: Sie alle kämpfen gegen sogenannte „illiberale Demokratien“. Dieses Konzept aus den 90er-Jahren beschreibt ein immer häufigeres Phänomen: Eine Regierung wird zwar auf demokratischem Wege gewählt, die Gegenmächte im Land funktionieren jedoch nicht mehr wirkungsvoll. Der Film zeigt, wie eine neue Generation von Politikern Staatsorgane wie die Polizei, die eigentlich die Bürger schützen sollen, als Repressionsinstrumente missbraucht, um die Demokratie zu unterwandern. Genau das haben die indischen Youtuber von All India Bakchod auf satirische Art kritisiert. In ihrem Video „Rape: It´s Your Fault“ aus dem Jahr 2013 prangern sie den skandalösen Umgang von Medien und Polizei mit Vergewaltigungsopfern an. Das Video wurde mittlerweile über sechs Millionen Mal angeklickt. Ein Jahr später knöpften sich die Mitglieder der Gruppe in einem Video den Kongress vor. Ergebnis: Sie wurden verhaftet. 

Neben den diversen Protestbewegungen ist das zentrale Thema von „Freedom for the Wolf“ die Freiheit. Der Soziologieprofessor Orlando Patterson von der Harvard University, dessen Aussagen sich wie ein roter Faden durch den Film ziehen, erinnert daran, dass man nach dem Fall der Berliner Mauer und dem damals vermuteten „Ende der Geschichte“, dachte, die liberale Demokratie habe gesiegt. Es dauerte jedoch nicht lange, bis sich demokratisch gewählte Politiker demokratischer Institutionen für autoritäre Zwecke bedienten und die „Freiheit“ ein Mittel der Unterdrückung statt der Befreiung wurde. Dies veranschaulicht Patterson am Beispiel von George Bush, der unter dem Deckmantel der Verteidigung der Freiheit weitreichende Freiheitseinschränkungen, wie etwa den Patriot Act, einführte. Als mögliche Erklärung für das Voranschreiten illiberaler Demokratien  nennt der Film den Sieg der Konsumgesellschaft über das Ideal der demokratischen Freiheit. Das Ganze erinnert an das Modell „Brot und Spiele“ der Römer, die so das Volk unter Kontrolle hielten. 

Freedom for the Wolf - Official Trailer from Bulldog Agenda on Vimeo.