TRACKS NEWS / 02-05-18 / Die Stadt der schwarzen Engel
L.A. NOIRE

Die Stadt der schwarzen Engel

Verbrechen, Sünden, Abgründe: „L.A. Noir“ beschäftigt sich mit dunklen Gestalten aus Los Angeles, die das kollektive Bewusstsein prägten.

Von außen: Canyons, endlose Strände, Sonne, Meer, Musik und der Glamour des neuen Hollywood. Im Inneren: ein Konzentrat menschlicher Abgründe … In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Los Angeles von dunklen Machenschaften regiert; Morde, Drogenhandel, Prostitutionsringe, Mafia, dubiose Polizisten und rassistische Verbrechen gehörten zum Alltag. Oder, wie Jim Heimann es in der Einleitung von Dark City. The Real Los Angeles Noir ausdrückt: „Die dunkle Seite von Los Angeles faulte wie eine Orange in der ewigen Sonne.“ Das Buch, das vor kurzem bei Taschen erschien, dokumentiert die dunkle Geschichte der Stadt in Bildern. Fotografien und andere Zeitdokumente – vor allem Reproduktionen von Klatschblättern – zeigen die Kehrseite einer Metropole, die von den 20ern bis zum Ende der 50er im Chaos zu versinken drohte – und damit Journalisten, Schriftsteller und Drehbuchautoren zur Entwicklung des „Noir“-Genres inspirierte. Hier einige Bilder aus dieser düster-dekadenten Zeit:

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Dark City, The Real Los Angeles Noir (Éditions Taschen)

5 Fotos

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Schon bei den ersten Siedlern hatte Los Angeles einen zweifelhaften Ruf: Mitte des 19. Jahrhunderts war die Stadt, in denen Hunde streunten und Tierkadaver die Wege säumten, ein Zufluchtsort für Mörder, Gauner und Prostituierte. In der Hauptstraße mit ihren Saloons, Tanzbars und Spielhöllen gab es jede Woche drei oder vier Tote. Die Meile mit dem Spitznamen Nigger Alley war „ein Irrenhaus, voller besoffener und verrückter Indianer jeden Alters, die sich prügelten, tanzten, sich mit Messern und Knüppeln gegenseitig umbrachten und in einem großen, alkoholgeschwängerten Straßenkampf untergingen.“ In der Presse, die damals von solchen Geschichten lebte, wurde die Stadt der Engel zu „Los Diablos“. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Los Angeles vom rückständigen Städtchen zur glitzernden Metropole. Grundstücksspekulation und Ölhandel verhalfen einer Handvoll Unternehmer zu enormen Reichtum. Dies führte zu einem demografischen Aufschwung, der wiederum seinen Teil von Verbrechern und Hochstaplern anlockte. In dieser lasterhaften und gesetzlosen Stadt, in der selbst die Ordnungskräfte völlig korrupt waren, flüchteten sich die harmoniebedürftigen Seelen des aufkommenden New Age: Noch vor den Hippies kosteten die Angelinos der 30er Jahre die Diätküche barfüßiger Gurus und suchten ihr Heil in neuen Sekten. Die gut 10.000 Anhänger der Church of I AM, eine Art Prä-Raelianer, verehrten einen gewissen Saint Germain. Diese Gottheit mit übernatürlichen Kräften soll mit ihrem violetten Lichtstrahl sogar Nazi-U-Boote versenkt haben. Die beiden Sektenführer Guy und Edna Ballard konnte sie allerdings nicht retten: Sie wurden wegen Steuerbetrugs verurteilt.

Ein Fitness-Anhänger empfängt barfuß eine Kundin in seinem Diätrestaurant, ca. 1935.

Der Telepath „Daddy Rango“ fuhr mit seinen Briefsäcken in einem umgebauten Bus in Begleitung seiner Sekretärin durch die Straßen von Los Angeles.

Ein Wort ist bis heute untrennbar mit Los Angeles verbunden: Hollywood. Die Traumfabrik lieferte der Klatschpresse seit ihren Anfängen reichlich Stoff: Affären, Skandale und Rachemorde waren in der jungen Kinoindustrie an der Tagesordnung. Lange vor „Porn Alley“ wurden hier Erotikfilme produziert, und im Zuge der lockeren hollywood’schen Moralvorstellungen wurde Los Angeles zum Schauplatz extravaganter Travestie-Shows. Die Schwulenclubs der Stadt wurden regelmäßig vom LAPD durchsucht, das Transvestiten als abnormal ansah und die „Hollywood-Schwuchteln“ nur allzu gerne verhaftete.

Ein Filmteam beim Dreh des Nacktfilms Elysia, 1933.

Nach einer Razzia werden zwei Transvestiten verhaftet, ca. 1948.

In den 60er Jahren verlor Los Angeles seinen Ruf als Hauptstadt des Verbrechens an andere US-Großstädte mit mindestens ebenso hohen Kriminalitätsraten. Dennoch inspirierte dieses düstere Kapitel der Geschichte zahlreiche Kriminal- und Noir-Meisterwerke, wie Polanskis Chinatown oder James Ellroys Kultromane L.A Confidential und Die schwarze Dahlie. Diese Werke sind die Überbleibsel einer Zeit, die der Autor von Dark City. The Real Los Angeles Noir so beschreibt: „Qualen einer Stadt in pubertärer Pein (…), wimmelnd vor Vergnügungen und besudelt von Sünde.“