TRACKS NEWS / 02-07-18 / Mysteriösen Tracks-Platten
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Mysteriösen Tracks-Platten

Wie hört sich der Lobgesang eines Priesters auf den Ehebruch an? Oder eine Willkommenshymne für Aliens? Wir stellen euch die schrägsten Singles vor, die – jedenfalls in Frankreich – jemals aufgenommen wurden … 

Irgendwo im 11. Pariser Arrondissement versteckt sich ein Laden, der wahrscheinlich die höchste Dichte an Schätzen - und auch an Seltsamkeiten - aus der Geschichte der Schallplatte aufweist. Vinyle Office heißt er, und hier finden sich 5 000 Singles und LPs. Es ist, als würde man ins goldene Zeitalter der Schallplatte zurückversetzt, in eine Zeit, als man auf schwarzen Scheiben so ziemlich alle Experimente machen konnte und als keine Idee zu schräg war, als dass man sie nicht in Vinyl hätte pressen können. Vor zehn Jahren hat Ronan Pierre den Laden aufgemacht. Er ist im richtigen Leben nicht nur Plattenhändler, sondern steht unter dem Namen Ronnie Rollo selbst als Rocker auf der Bühne. Bei Vinyle Office finden sich Sammlerstücke von so ziemlich allen großen Namen der französischen Populärmusik des 20. Jahrhunderts, ein ganz besonderer Schatz aber sind Dutzende von „Fortyfives“, von Singles, die in den meisten Fällen auf irgendwelchen Flohmärkten auftauchten, nachdem sie jahrelang auf Dachböden verstaubt waren. Ein klingender Weg zurück in die Vergangenheit, der wieder einmal deutlich macht, wie wichtig die Schallplatte in der Vor-Internetzeit war. Sie war das ideale, noch dazu zugängliche Medium für alle, die ihre Kreativität zu Gehör bringen wollten - oder auch nur eine Werbebotschaft oder ganz schnöde Propaganda. Denn von den 1940er bis zum Ende der 1960er Jahre konnte vor allem in den USA, aber auch in Europa, jeder seine eigene Platte machen: es gab den Voice-o-Graphe, eine Art Fotoautomat, der statt Passfotos Schallplatten ausspuckte. In der Kabine nahm man über ein Mikro auf, was man wollte, der Automat schnitt es in eine 45er-Single, und nach ein paar Minuten konnte man die gleich mitnehmen. Letzte Grüße von Soldaten, bevor sie einrücken mussten, Heiratsanträge, ein rührseliges Weihnachtslied für die liebe Oma - alles war möglich, und keine Industrie machte ihren Reibach damit. Die Schallplatte war tatsächlich „His Master‘s Voice“ für alle. Dabei entstand natürlich auch jede Menge Exotisches und Bizarres. Hier eine Auswahl aus Ronans Grabbelkiste: garantiert einzigartig, garantiert schräg. Er hat ein paar dieser Perlen als mp3-Dateien abgespeichert, sodass sie nun erstmals seit Ewigkeiten wieder zu hören sind …

Lost in the Stars

Katherine Bairthy kennt ihr nicht? Aber hier ist sie doch auf diesem Single-Cover, der Blick verloren in die Weiten des Alls gerichtet, der Finger zum Telefonieren gestreckt: „nach Hause“, wie ET. Schließlich handelt die Platte ja auch von den kleinen grünen Männchen. Dass die Sängerin eigentlich Dichterin ist und Yvonne Devimes heißt, muss man nicht wissen. Auch nicht, dass sie 1950 von der Académie Française für einen Gedichtband ausgezeichnet wurde. Viel interessanter ist, dass sie zehn Jahre später umschulte auf Chansonneuse und zusammen mit ihrem Mann, dem Komponisten und Bandleader Raymond Bairthy die Bühnen in Frankreich unsicher machte. Aber so richtig krachen wollte es nicht. Anfang der 1980er wollen sie's nochmal wissen, jetzt als Family Group, ganz wie man das in Amerika macht, und ein Thema, natürlich ein modernes, ist auch schnell gefunden: als Katherine Bairthy gibt sie jetzt den Space-Messias und beschwört ein paar Jahre nach Spielbergs Filmklassiker in Le temps des O.V.N.I.S (Wenn die UFOs kommen) die Menschheit, sie möge die Aliens aus dem Weltraum doch bitte in die Arme schließen:

Morgen wird sie kommen, die Zeit fremder Orte,

die Zeit der UFOs, wie man so sagt (…)

Und sie werden dem Ruf folgen,

Ob Weise, Riesen oder Zwerge,

dem großen Ruf, den der Himmel gesandt.

Ihr Ruf wurde offensichtlich gehört, denn kaum war die Platte veröffentlicht, galten Katherine und Raymond als vermisst ...

Beten hilft immer. Aber die wahren Gläubigen sind nicht unbedingt die, die es von sich behaupten ...

Der Topfschnitt und das etwas strenge Äußere sollten niemanden täuschen: Abbé Noël Colombier ist der Elvis im Priesterrock. Geboren wurde er 1932, seine Zielgruppe waren die Jugend und die Knackis, und für sie hat er jede Menge Rock'n‘Roll ins moralinsaure Bekehrungsbusiness gebracht – und noch dazu sehr guten! Immerhin landete er nicht bei irgendwelchen Kirchenverlagen, sondern bei den ganz großen Labels, EMI und Universal. Er selbst war Fan von Brassens und den Beatles, liebte Negro spirituals. Und er brachte Swing in den Glauben, die katholische Jugend lag ihm zu Füßen. Die etwas gräulichen Betschwestern in den Morgenmessen wohl weniger. 1968 schlug er sich offen auf die Seite von untreuen Ehefrauen und Teenage-Müttern mit seinem Song Jette la pierre, Wirf den ersten Stein. Der Text geht zur Sache, er ist so eine Art musikalisches #metoo vor der Zeit. Und am Ende nimmt er noch dazu die Pharisäer und „Sabbat-Tartuffes“ der Kirche aufs Korn, deren Waschungen, wie er singt, weder das Herz noch die Gendanken reinigen. Er selber hat dann irgendwann den Priesterrock an den Nagel gehängt und eine Familie gegründet. 2017 rief ihn Gott dann zu sich. RIP.

Frauen sind wie Teppiche...

Man weiß gar nicht, womit man anfangen soll: mit dem Schlips, dem Schaffell, dem Pudel - oder vielleicht doch mit der Frau, die ihr Gesicht sehr suggestiv genau dorthin hält, wo es interessant wird? Al Farrel ist das genaue Gegenteil von Abbé Colombier: Ein richtiger Kerl, der genau weiß, wie er seinem Mädel zeigt, wo der (ähm) Hammer hängt. Denn wenn sie nicht spurt: einfach eine reinhauen, Frauen sind schließlich wie Teppiche. Natürlich schickt er sie auch „in den siebten Himmel“, er ist ja nicht nachtragend, immerhin ist er der King. Diese Ode an den Chauvi nennt sich Mates-là (Dominiere sie), und wer mehr als zwei Jahre Französisch gelernt hat, der erkennt, dass das außerdem noch nach Matratze (matelas) klingt. Lauter subtile Köstlichkeiten also. Dem Refrain ist nichts hinzuzufügen: Wenn deine Frau dich nervt, mach sie platt. Frauen sind wie Teppiche, je mehr man sie durchklopft, desto schöner werden sie. Wir haben uns schon gefragt, ob das vielleicht einfach unglaublich ironisch ist, so richtig kritisch gegen männliche Dummheit und Selbstgerechtigkeit, gegen die Misshandlung von Frauen; ein extremes Rollenspiel des guten Herrn eben. Doch so sehr wir auch gesucht haben (ok, allzu viel Zeit haben wir nicht aufgewendet, ist ja auch kein wirklich brennendes Thema, oder?), offensichtlich hat dieser Al Farell keine weiteren Spuren hinterlassen. Wahrscheinlich heißt er ja auch Fritzchen Schneider und ist nur einmal kurz zu zweifelhaftem Ruhm gekommen, bevor er wieder in der Anonymität verschwand, aus der er vielleicht besser nie aufgetaucht wäre.

Die Post bringt's

Und was ist das nun wieder? Kinder in gelben Hemden und schwarzen Shorts, die Hände im Rücken, die Mütze auf dem Kopf, über ihnen der seltsam darwinistische Leitspruch Vivre c’est s’adapter, gagner c’est anticiper (Leben heißt sich anpassen, wer vorausschaut gewinnt). Eine Sekte? Aber nein. Es sind Kinder aus dem Dorf Rully im Norden Frankreichs, die 1991 aus völlig unerfindlichen Gründen ein Loblied auf die Post aufgenommen haben. Im Text geht es weiter mit Kein Problem, die Post ist da (offensichtlich ist die Post hier keine Metapher für alles, worauf man wartet und was nie kommt). Es geht einem wirklich das Herz auf, wenn diese Engelsstimmchen ihr Loblied auf die Eilzustellung oder – ihr müsst jetzt ganz stark sein – das Einschreiben singen. Zumindest körperlichen Zwang scheint niemand auf sie ausgeübt zu haben, Spuren sind jedenfalls nicht erkennbar. Und es gibt auch kein Postlogo auf dem Cover oder sonstige Hinweise auf geflossenes Geld. Sie haben es wohl tatsächlich freiwillig und kostenlos gemacht. Wie gesagt, die Schallplatte war wirklich ein Medium für alles und jedes …

Es gibt immer was zu tun

Und wir setzen noch eins drauf. Nein, diese rote Scheibe mit dem Titel Le chant de la Terre (Das Lied von der Erde, aber keine Angst: das ist nicht der Mahler aus dem  Musikunterricht) und einem Herrn mit schwerem Kriegsgerät darauf ist keine Hardcore-Version von Bella Ciao. Statt um Partisanen geht es hier um eine ganz andere Revolution: um die Presslufthammer von Atlas Copco. Denn die machen, man höre und staune, 75 % weniger Lärm als der Durchschnitt. Das war schon eine drehende Scheibe wert. Die hat sich der 1873 gegründete Maschinenkonzern aus Schweden denn auch gegönnt, unter dem genialen Titel Le roc du rock. Wow. Eine Melodie für sieben Instrumente und Presslufthammer. Der legt seine sanfte Klage über den Refrain. Hörst du den Klang so wunderbar.... Aber natürlich hört man gar nichts, ein Presslufthammer bleibt ein Presslufthammer. Play it loud…

So weit die Füße tragen !

Last but not least nun noch eine echt außerirdische Aufnahme. Zu hören ist Jean Fion, Globetrotter vor dem Herrn. Er erzählt, immer wieder mal unterbrochen von seiner Mundharmonika, wie er durch Frankreich tippelt. Anlass war seine dritte Frankreichtour zu Fuß 1969. Und die Plattenfirma ist sicher auch ein Unikum: VDS, ein regionales Label aus der westfranzösischen Charente, spezialisiert auf obskure Aufnahmen im örtlichen Dialekt, das nicht davor zurückschreckte, seinen Umsatz zu steigern, indem es Gott und die Welt so lange nervte, bis dann auch der örtliche Zoo oder die Militärbasis ihre eigenen Schallplatten aufgenommen hatten. Hier also eine Special Edition von VDS, das ideale Geschenk für wen auch immer. Auf dem Cover erfahren wir, dass Jean im Sommer am Straßenrand schläft und dass er sich doch oft mit einem Baguette, einem Camembert und einem Liter Rotwein zufrieden geben muss, mehr Luxus ist nicht. Dem Käufer wird auch gleich gedankt, denn mit seinem Kauf trage er dazu bei, dass es Jean etwas leichter hat, vor allem, wenn er irgendwann eben nicht mehr gut zu Fuße sei … Das ist doch wirklich etwas anderes als die von der Kreditkarte abgebuchten 1 Euro 29 für einen mp3-Download.