TRACKS NEWS / 25-06-18 / Papas Hitparade
PLAYLIST

Papas Hitparade

Wir feiern den Sommer und den Chanson – mit einigen unbekannten und erstaulichen Perlen der berühmtesten französischen Chanson- und Schlagerstars.

Tschaikowski, David Guetta, Sidney Bechet, Francis Cabrel, Boris Vian, Georges Brassens, Barbara … diese und viele andere Künstler verlassen sich zur Wahrnehmung ihrer Musikrechte auf die französische Verwertungsgesellschaft Sacem, die ihnen zur Hommage soeben ein Online-Museum eröffnete. Zu sehen sind darin zum Beispiel ein Brief von Boris Vian, ein unveröffentlichtes Interview mit Serge Gainsbourg, aber auch thematische und historische Ausstellungen sowie Anekdoten über die Entstehungsgeschichte von Hits von Brigitte Bardot oder Michel Polnareff. Damit ist das musikalische Erbe Frankreichs, das seit 1851 katalogisiert wird, von nun an in Klickweite erreichbar – in über 3.000 digitalen, oftmals bisher unveröffentlichten Archiven. Das entspricht in der analogen Welt rund 30 Kilometern! Hier ein kleiner Einblick, mit Originalpartituren von Charles Trenet und Josephine Baker, einem handgeschriebenen Text von Françoise Hardy, einem Brief einer ungewöhnlich kleinlauten Edith Piaf, die um die Wiederholung einer Aufnahmeprüfung bittet, ein kurzes und bündiges Telegramm von Verdi und als i-Tüpfelchen: Passbilder, von Jacques Offenbach bis Alain Souchon.

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SACEM

6 Fotos

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Dieses musikalische Erbe feiert Tracks mit einer Playlist mit Künstlern, die ganz Frankreich kennt (und die, wie es heißt, ihre besten Zeiten bereits hinter sich haben). Diese Lieder haben es verdient, angehört zu werden!

Nino Ferrer ist nicht nur der Sänger eher mittelmäßiger Hits wie Le téléphone, Oh! Hé! Hein! Bon! oder dem Hunde-Chanson Mirza, zu dem man in Frankreich auch heute noch am Ende jeder feucht-fröhlichen Party tanzt. Ferrer war auch der souligste französische Sänger seiner Zeit, ein echter Fan afroamerikanischer Musik, der nicht zufällig Je veux être noir („Ich will schwarz sein“) sang. Seine Diskografie hat weit mehr zu bieten als die Hits, die ihn berühmt machten, unter anderem diese sphärische Ballade von 1974:  I’m looking for you, ein ebenso sinnliches wie psychedelisches Liebeslied.

Er ist der ewige Liebling unserer Mütter, der Mann, der ihnen mit seinem warmen Vibrato und seinem schüchternen Lächeln die jungen Köpfe verdrehte. Doch Julien Clerc ist auch der 21-jährige Anglistikstudent, der leidenschaftlich verkündete: „Ich werde in einem neuen Rittertum die Langeweile abschaffen“. Das war im Mai 1968, als La Cavalerie, eine Art musikalisches Easy Rider, die Studentenrevolten begleitete und der Texter des Liedes Etienne Roda-Gil mit anarchistischen Aktivisten auf den Barrikaden im Quartier Latin stand. Letzterer wurde zum großen Lyriker des französischen Chansons und gilt als derjenige, der Disko mit Poesie verband und Claude François dazu verhalf, gute Texte zu singen (der wiederum zugab, sie zu singen und dabei nur die Hälfte zu verstehen).

Mit Ausnahme von zwei, drei Jungspunden kann man sagen: Die Tracks-Redaktion liebt Johnny Hallyday! Allein wegen 24 000 baisers muss man das Idol der heute nicht mehr ganz jungen Generation einfach lieben. Der Song ist das kongeniale Cover des Italopop-Evergreens von Adriano Celentano, ein Mix von Mambo, Rock und versiertem Sprechgesang. Das war 1961. Aus demselben Jahr stammt auch die orientalisch angehauchte Version von Dalida, die damals noch keine Glitzerkleider trug und ihre Haare noch nicht tanzen ließ. Respect in peace.

Als die jungen Franzosen der Sechzigerjahre zur Rock’n’Roll-Musik die Hüften schwangen, erschien Michel Polnareff (damals noch ohne Locken und Brille) wie ein Außerirdischer in der französischen Musikwelt. 1967 sang er in einem herzzerreißenden Menuett auf dem Cembalo von einer verlorenen Liebe und entsprach damit so gar nicht der damaligen Mode. Und er trat schon damals bei Michel Drucker auf (einem französischen Moderator-Urgestein, der seit der Erfindung des Fernsehens Prominente in seine Sendungen einlädt). Als Symbol seiner Leidensgeschichte brachte Polnareff zu seinem Auftritt ein Lamm mit ins Studio. Das mag zwar süß sein, nervt aber beim Cembalospiel. Doch glücklicherweise verstand sich Profi-Moderator Michel Drucker auch aufs Lämmchen-Sitting.

Was zog man über ihn her, über „Nanard“, den „Gringo von Saint Etienne“ mit seiner Lederjacke und seinem Ohrring… Bernard Lavilliers, Sohn eines Metalldrehers, ist seit vierzig Jahren der unerschrockene Unterstützer der Arbeiterklasse. Eine mutige Stimme der Ungehörten, die immer wieder ihre Meinung zum Zeitgeschehen kundtut. In Les Barbares von 1976 singt Lavilliers über diejenigen, die „in scharfen Ecken wohnten / Exilstädte, fernab vom Business / Sie nieteten auf ihre Jacken seltsame Firmamente / Wo Verrücktheit, Tod und Jugend strahlt“.

Bevor sie zur berühmtesten brilletragenden Griechin und Sängerin Frankreichs wurde, hatte sie bereits niemand geringerem als Quincy Jones den Kopf verdreht. Er war begeistert von ihrer Stimme und lud sie 1962 ein, einen Monat in New York zu verbringen. Dort war sie nicht nur mit Louis Armstrong, Duke Ellington und Miles Davis auf ein paar Drinks unterwegs, sondern nahm unter der Leitung von Maestro Jones auch noch die Jazzplatte Nana Mouskouri in New York auf, inklusive des Standards Love Me or Leave Me. Pech für Mireille Mathieu! (Anmerkung für unsere deutschen Freunde: Mireille Mathieu gilt in Frankreich als Dame, die sehr laut singt und das R sehr ausgeprägt rollt, was sie allerdings zumeist in Russland tut, was daher auch wieder passt).

Zu Beginn seiner Karriere ist Salvatore Adamo neben Johnny Hallyday, Eddy Mitchell oder Jacques Dutronc ein netter romantische Junge, der „sanftmütige Gärtner der Liebe“, wie ihn Jacques Brel nannte. Doch 1965 zeigte der Sänger mit der zarten Stimme und dem Erstkommunions-Look seine raue Seite – mit einem auf den ersten Blick unverfänglichen, auf den zweiten Blick jedoch ziemlich zynischen Chanson:  Les filles du bord de mer. Noch vor Arno, der das Lied später coverte, singt Adamo über die Freizügigkeit seiner Sommereroberungen, allesamt billige Flittchen, die er an einen Gigolo weitergibt, weil sie es nicht besser verdient haben. #Notmetoo