TRACKS NEWS / 13-12-16 / Jetzt ist es offiziell: Pun...
Punk = ?

Jetzt ist es offiziell: Punk ist nur noch Schall und Rauch

Der Punk-Sprössling Joe Corré hat seine Drohung verwirklicht und seine gesamte Sammlung von Punk-Objekten verbrannt. Zum 40-jährigen Jubiläum des Punk-Hits „Anarchy in the UK“ protestierte er damit gegen die Vermarktung der Bewegung.

Tracks hatte bereits in seinem Punk-Spezial darüber berichtet: Joe Corré, der Gründer der Dessousmarke Agent Provocateur und Sohn von Vivienne Westwood und Malcolm MacLaren (Punk-Anhänger und Manager der Sex Pistols) hatte angekündigt, seine komplette Sammlung von Punk-Reliquien zu verbrennen. Sie bestand hauptsächlich aus alten Klamotten und Postern und wurde auf einen Wert von rund fünf Millionen Pfund geschätzt. Am 26. November fiel der Schatz den Flammen zum Opfer – nachdem Corré zuvor in einer Rede gegen die Banken, die Klimaerwärmung und die politische Klasse gewettert hatte. Glaubt man Joe Corré, dem Sohn von Sexpistols-Manager Malcolm McLaren, dann wurde der Punk in den letzten Jahren „seines Wesens enteignet“ und nur noch „verramscht“. Kein Wunder, dass der Brite das vierzigste Jubiläum des Erscheinens von „Anarchy in the UK“ mit einem großen Feuer beging. 

<< 40 Jahre Anarchy in the UK. 40 Jahre Verrat und Ausverkauf. (…) Eine Zeit, in der man MacDonald‘s punky nuggets und Anarchy-in-the-UK-Kreditkarten zu 19 % effektivem Jahreszins erhält, in der es Punkrock-Autoversicherungen und Bondage-Hosen von Louis Vuitton gibt. >>

<< Punk ist zu einem Marketing-Werkzeug verkommen, das dazu dient, Dinge zu verkaufen, die niemand braucht. Die Illusion einer Alternative. Konformität in einer anderen Uniform. >>

BURN PUNK OCTOPUS TV live stream 26th November 2016
BURN PUNK
+
-

Auch Vivienne Westwood sah der Performance ihres 49-jährigen Sohnes in der Nähe der Albert Bridge in Chelsea im Westen Londons vom Themse-Ufer aus zu. Zunächst beschimpfte Corré die Klasse der Eliten, anschließend entzündete er Feuerwerkskörper in Doppelgänger-Puppen von Politikern, während ein Schlagzeuger auf dem Bootsdach das Ganze rhythmisch untermalte. Man hatte Corré vorgeschlagen, seine Sammlung für wohltätige Zwecke zu spenden, anstatt sie zu verbrennen. Doch für Joe sind wohltätige Einrichtungen kaum etwas anderes als Firmen, die die Rolle des Staates übernehmen. Als er eine Unikat-Pressung von „Anarchy in the UK“ auf eBay versteigern wollte, schien es zunächst, er hätte seine Meinung geändert. Doch da die Gebote die gewünschte Summe nicht erreichten, warf er auch diese Scheibe in die Flammen und eröffnete damit die Opferung seines materiellen und immateriellen Erbes.

Burn Punk Joe Corre burns his one of a kind acetate of Anarchy In The UK part of his £5m collection
Joe Corre burns his one of a kind acetate of Anarchy In The UK
+
-

1994 gründete der Punk-Sprössling (er trug bereits als Kind von seiner Mutter entworfene Kleidungsstücke) die Modemarke Agent Provocateur, die er 2007 für 60 Millionen britische Pfund  verkaufte. Einige konnten es sich nicht verkneifen, ihn daran zu erinnern, dass die Punk-Bewegung schon immer durch passende Produkte vermarktet wurde. Oder sie warfen ihm seinen Reichtum vor. Darauf entgegnete er im Guardian: „Ohne Punk wäre mein Leben anders verlaufen. Die Punk-Attitüde half mir, erfolgreich zu werden, Wege im System zu finden, die Leute mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Das war und ist noch immer meine Motivation. Jede Firma, die ich bisher gründete, basiert auf dieser Einstellung, auch Agent Provocateur. Mich interessierte nicht der Wert der Marke. Das Geld, das ich beim Verkauf bekam, war nur Teil des Spiels.“

Verbrannt hatte man in England auch früher schon einiges – sogar Geld, und zwar echtes. Am 23. August 1994, zwei Jahre nach der Zerstörung ihres gesamten Kataloges, warfen „The KLF“ eine Million britische Pfund vor laufender Kamera ins Feuer. Der ganze Verdienst ihres kommerziellen Erfolges im Vereinigten Königreich der frühen 90er ging in Flammen auf. Die Geste sollte künstlerisch sein und radikal. Das Duo veröffentlichte außerdem das Buch „The Manual (How to Have a Number One the Easy Way)“, in dem sie ebenfalls die Musikindustrie kritisierten.

K Foundation- Burn a Million Quid
K Foundation Burn a Million Quid
+
-

Doch was wollte Joe Corré wirklich bezwecken? Hochsymbolische Objekte vor dem Museumschicksal retten? Ein unbequemes Erbe loswerden, von dem sowieso nur die Banken profitieren? Tracks hat den rebellischen Modedesigner selbst befragt. 

TRACKS: Wie fühlt es sich an, wenn eine Million Pfund in Rauch aufgehen?
Joe Corré: Ich denke, ich habe ein Statement zu Preisen und Werten abgegeben. Es besagt: Manche Dinge stehen einfach nicht zum Verkauf. Alternativ zu sein, ohne Macht zu haben, wird der heutigen „No-Future“-Generation nicht helfen, Lösungen für ihre/unsere Probleme zu finden.

Was war am schwierigsten zu verbrennen?
Alles war leicht zu verbrennen, aber das leichteste war das Poster von Myra Hindley, der Kindsmörderin.

Was war die schärfste Kritik, die Sie zum Lachen brachte?
Die einzige Kritik, die mich überhaupt berührte, kam von verzweifelten Menschen, die nicht verstanden, warum ich Dinge verbrannte, die Geld wert waren. Wie könnte ein Obdachloser oder ein Flüchtling das verstehen? Das kann ich nachempfinden. Allerdings können wir Probleme wie Obdachlosigkeit auch nur lösen, indem wir über echte Werte reden, nicht über Geld.

Und jetzt? Gibt’s noch was zu verbrennen?
Als nächstes kommt ein Dokumentarfilm, der Massenmanipulation und Propaganda dem Willen gegenüberstellt, die eigene Wahrheit herauszufinden. Vor allem aber soll er praktische Lösungen aufzeigen, bei denen jeder mitmachen kann.

Danke, Joe! Die Rede, die Joe Corré vor seiner symbolischen Feuerbestattung hielt, kann man hier nachlesen und im Punk-Spezial von TRACKS noch einmal anschauen.

TRACKS Punk-Spezial
+
-
Greil Marcus : Punk-Geist, bist du da?
+
-