Punk, Philosophie und Klassenkampf

Philosophie leicht gemacht – mit den Sex Pistols.

„Natürlich steckte im Punk eine ordentliche Portion Nihilismus, doch für mich waren die Sex Pistols die einzige wirklich nihilistische Punkgruppe. Weil Johnny Rotten instinktmäßig ein nihilistischer Philosoph war.“ (Greil Marcus)

Der Essayist und Musikjournalist Greil Marcus schreibt den Sex Pistols eine philosophische Dimension zu, indem er ihre Haltung als nihilistisch definiert. Die Geisteshaltung des Nihilismus, die durch Friedrich Nietzsche Bekanntheit erlangte, lehnt jegliches Werte-, Rechts- und Glaubenssystem ab. Das kommt einem irgendwie bekannt vor – denn auch der Punk wendet sich gegen alle vom System aufoktroyierten Praktiken und Moralvorstellungen. Die Radikalität der Sex Pistols war in diesem Punkt essenziell:

„Die einzige Möglichkeit, diese Stimme nicht zum Verstummen zu bringen, war, sie immer extremer werden zu lassen.“ (Greil Marcus)

Johnny Rotten, ehemaliger Bandleader der Sex Pistols, die als Aushängeschild der Punkbewegung galten, äußert sich ähnlich, spricht aber von nackter Zerstörungswut:

„Es war unmöglich das Chaos zu bändigen, das die Pistols hervorriefen. Es war ein völliges Durcheinander, aber es war genau das, was wir tun mussten. (…) Es gab keine Regeln mehr, wir haben alles über den Haufen geworfen. Es war unsere Pflicht, denn genau das macht Kreativität aus. (…) Das ist das Geilste, was man überhaupt machen kann.“ (John Lyndon, alias Johnny Rotten)

Vor den Sex Pistols gab es Mick Farren und seine Deviants, die als Protagonisten des „Proto-Punk“ gelten. In einer Sendung des TV-Moderators David Frost auf Thames TV hielten Farren und sein Kollege Jerry Rubin, ein US-amerikanischer Hippie und Autor des Buches Do it! Scenario für die Revolution, vor weißen, privilegierten Zuschauern – die davon nicht sonderlich begeistert schienen – eine flammende antikapitalistische Rede:

„Wir stehlen, genau wie ihr die Schwarzen bestohlen habt! Wir bestehlen die Reichen und geben es den Armen. Kapitalismus ist ein anderes Wort für Diebstahl.“. (Jerry Rubin)

Folgt man Greil Marcus’ Argumentation, ist der Punk sehr viel mehr als eine ziellose, chaotische Bewegung, sondern bringt die unmittelbare Ablehnung der kapitalistischen Gesellschaft zum Ausdruck – und den Wunsch, ihre Fesseln zu sprengen.

Eine Reportage von Paul Rambali
Kamera: Thierry Gautier
Ton: Antoine Benguigui