TRACKS NEWS / 04-12-17 / Rockbitch : Sex on the Witch
Rockbitch

Rockbitch : Sex on the Witch

Die britische Band Rockbitch war einst für ihre heidnischen Rituale, Orgien und Heavy Metal-Musik berühmt berüchtigt. Dann verschwanden die Skandalnudeln plötzlich von der Bildfläche. Nun sind sie wieder aufgetaucht. Eine nicht ganz jugendfreie Geschichte.

Alice Cooper bewunderte sie. Feministinnen und evangelikale Christen hassten sie. Interpol überwachte sie. Eines lässt sich jedenfalls mit Fug und Recht behaupten: Die Musikerinnen der Band Rockbitch ließen niemanden kalt. Und das nicht von ungefähr. Zwischen 1998 und 2002 veranstalteten die Mädels europaweit solche, nun ja, denkwürdigen Bühnenshows, dass selbst die härtesten Rock’n‘Roller daneben wie brave Chorknaben ausgesehen hätten. Während der enthemmten Konzerte ging es buchstäblich zur Sache. Wenn sie nicht gerade mit heidnischen Ritualen beschäftigt waren, kamen sich die nackten Musikerinnen auf der Bühne näher. Vorsicht, expliziter Inhalt!

Waren die Mädels reine Performancekünstlerinnen? Mitnichten! Sie handelten im Auftrag der Befreiung der Frau. Erreicht werden sollte dieses eherne Ziel durch hemmungslosen und ungezwungenen Sex. Rockbitch ist mehr als nur eine Band. Es handelt sich vielmehr um eine heidnisch-feministische Gemeinschaft, bestehend aus 15 polyamorösen Mitgliedern – zwei Männer waren auch dabei -, welche die eigenen Ideale tabulos auslebt. Jahrelang wohnte die Band wie eine große Familie unter einem Dach im Osten Frankreichs zusammen und teilte sich nicht nur Tisch und Bett (von entsprechender Größe, versteht sich), sondern auch die Salbeiblätter für diverse Hexenrituale und nicht zuletzt die Sexualpartner. Im Jahr 2000 hatte Tracks die Gruppe bereits einmal besucht. Sie bewohnte damals ein ehemaliges Kloster in einem kleinen Dörfchen nahe Metz. Von dort aus führten die Mitglieder ihren Kampf für die neue, befreite Frau.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1984 interpretierte die Band Rockbitch die Idee von „Peace and Love“ auf ihre ganz eigene (Heavy Metal) Art. In ihrer feministischen Utopie war kein Platz für Lisas oder Martinas. Sie nannten sich stattdessen „Magische Sex-Priesterin“ oder „Bühnenschlampe“. Die Fans kamen scharenweise zu ihren Konzerten. Während draußen Feministinnen und Konservative Hand in Hand protestierten, versuchten drinnen Männer und Frauen, das „goldene Kondom“ zu ergattern, das den Ruf der Band mitgeprägt hat. Wer es fing, bekam eine private „Aftershowparty“ mit einem der Bandmitglieder. Interpol wies die Gruppe an, ihre Bühnenshows deutlich zu entschärfen. Derweil wurden die Veranstaltungsorte häufig bedroht; Bombenalarm stand auf der Tagesordnung. In Schottland und Kanada wurden die Auftritte komplett verboten. Die Band führte ihr provokantes Auftreten jedoch weiter bis 2002. Im Jahr 2011 setzte der Tod der an Brustkrebs erkrankten Schlagzeugerin Jo dem Treiben ein endgültiges Ende.

Seitdem herrschte Funkstille. Die selbsternannten Rockbitches waren spurlos verschwunden … Bis eine Journalistin des schwedischen Senders SVT sie wieder ausfindig machte. Ihre Dokumentation „Häxan återkomst“ (etwa „Die Rückkehr der Hexen“, online verfügbar) befasst sich mit moderner Hexerei. Die verbliebenen Mitglieder von Rockbitch leben heute auf einem stattlichen Anwesen in der schottischen Provinz. Sie haben zwar ein paar Falten bekommen, tragen etwas mehr Kleidung als früher und haben den „Liebestempel“ aus dem Schlafsaal ausgelagert, um nächtliche Ruhestörungen zu vermeiden. Ihre Rhetorik jedoch hat sich nicht geändert. Dort oben, in den sagenumwobenen Wäldern Schottlands, verbreiten sie weiter ihre Magie.