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Science-Fiction

Science & Fiction: Die Wissenschaft der Zukunft

In der neusten Tracks-Sondersendung dreht sich mit Cyberpunk-Legende Bruce Sterling alles um Science-Fiction. Den Anfang machen berühmte Sci-Fi-Autoren, deren Zukunftsvisionen von der Gegenwart bereits eingeholt wurden.

Je ausgeprägter das naturwissenschaftliche Profil des Visionärs, umso realistischer seine Fiktion. Isaac Asimov, Großmeister der Science Fiction und promovierter Biochemiker, schrieb schon als Teenager Robotergeschichten. Seine Gesetze der Robotik und seine Reise in den Hyperspace sind bis heute genreprägend. Asimov formuliert so präzise und wissenschaftlich fundiert, dass seine fantastischen Erzählungen bisweilen wie Fachliteratur anmuten. Zwar sind humanoide Roboter und Ferien auf dem Mond noch die Ausnahme, doch dank Asimov sind sie in greifbare Nähe gerückt.

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Isaac Asimov

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Auch die NASA hat good old Isaac einiges zu verdanken. Bevor die bemannte Raumfahrt als milliardenschwerer Haushaltsposten in Politik und Forschung einzieht, ist die Reise ins Weltall noch reine Fiktion. Als 1969 der erste Mensch den Mond betritt, verteidigt Asimov die Weltraumforschung gegenüber Skeptikern und fordert die Bereitstellung der notwendigen finanziellen Mittel. Arthur C. Clarke kommentiert die Mondlandung der Apollo 11 im US-Sender CBS. Der diplomierte Mathematiker und Physiker ist auch Autor des berühmten Weltraumepos „2001: Odyssee im Weltraum“. Der erste Prototyp eines Raumschiffs wird ausgerechnet nach seinem berühmten Vorbild aus der gleichnamigen Fernsehserie, der „Enterprise“, benannt. Die hohen Kosten für die Weltraumforschung lassen sich mit einer Prise Science-Fiction offensichtlich leichter rechtfertigen. 

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"2001: Odyssee im Weltraum"

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Die Eroberung des Weltalls hat seither einen Gang zurückgeschaltet, doch der Einfluss der sogenannten Hard Science Fiction, bei der wissenschaftlich fundierte Zukunftsvisionen im Mittelpunkt stehen, ist immer noch spürbar. In der Romanreihe „Revelation Space" des britischen Autors Alastair Reynolds geht es um die Besiedlung des Weltalls. Seit seinem Studium der Astrophysik verfasste Reynolds Sci-Fi-Romane. Als er von der Europäischen Weltraumagentur als Wissenschaftler eingestellt wurde, schrieb er nebenbei weiter, bevor er 10 Jahre später beschloss, hauptberuflich als Autor zu arbeiten. Die ESA beschäftigt nicht nur Sci-Fi-begeisterte Wissenschaftler; 2001 gab sie auch eine Studie in Auftrag, die innovative Technologiekonzepte aus der Sci-Fi-Literatur auf ihre Anwendbarkeit für die europäische Raumfahrt überprüfen sollte.

"Innovative Technologies from Science Fiction for Space Applications"

http://www.esa.int/esapub/br/br176/br176.pdf

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Die Website Dystopia Tracker (deren französische Version von ARTE Future hergestellt wurde) listet alle Vorhersagen der Science Fiction auf, die von der Realität eingeholt wurden. So setzt die Stadtpolizei Zürich seit 2014 die Prognosesoftware „Precobs“ (für Pre Crime Observation System) ein, um vorherzusagen, wann und wo mit hoher Wahrscheinlichkeit Verbrechen begangen werden. Ein vergleichbares System beschreibt Philip K.-Dick bereits 1956 in seinem Sci-Fi-Thriller „Minority Report": „Precrime“, eine Spezialeinheit der Polizei, verhaftet darin Täter, bevor sie ihr Verbrechen begehen können.

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"Minority Report"

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Sci-Fi ist mehr als eine von Technofreaks erdachte phantastische Abenteuerwelt. Als Jules Vernes in seinem Roman „Von der Erde zum Mond“ die erste Mondlandung um ziemlich genau 100 Jahre vorwegnimmt, ist die industrielle Revolution im Begriff, die Gesellschaft von Grund auf zu verändern. Der Autor steht technischen Neuerungen sehr kritisch gegenüber. Seine Zeitreise ins "Paris des 20. Jhd". ist eine düstere Vision einer Welt, in der Kunst und Kultur vom Kommerz verdrängt werden, der Mensch von sich selbst entfremdet in anonymen Trabantenstädten sein Leben fristet und unzählige Automobile die Straßen verstopfen.

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"Sortie de l'opéra en l'an 2000" - Albert Robida

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Manchmal wird der Sci-Fi-Autor zum Orakel wider Willen. Er warnt vor den Kehrseiten einer Utopie, deren Bauplan er gleichzeitig mitliefert. Was machbar ist, wird gemacht. Warum auch nicht? Aldous Huxleys "schöne neue Welt" aus dem Jahr 1931 beschreibt eine Spaßgesellschaft, in der alles ausschließlich der sofortigen Bedürfnisbefriedigung dient, auch der Sex, und in der alle angstlösende Substanzen schlucken – hört sich das nicht irgendwie bekannt an? George Orwell, der eine Zeitlang bei der Kolonialpolizei gearbeitet hat, beschreibt in "1984" eine Gesellschaft der totalen Überwachung, die den Geheimdiensten, auch der NASA; als Blaupause dient.

Der Blick, den der Cyberpunk seit seiner Entstehung in den 1980er Jahren in die Zukunft wirft, erscheint zunächst als besonders weithergeholt und sollte sich doch schon bald als verdammt nah an der Realität erweisen. In den Romanen der Cyberpunk-Pioniere William Gibson und Bruce Sterling tauchen erstmals Begriffe wie Vernetzung, Datenkrieg, Hacker und virtuelle Realität auf. Im Cyberpunk geht es nicht mehr um die Eroberung des Weltalls, sondern um den Cyberspace, der von Megakonzernen kontrolliert wird, und um innovative Technologien, die in Form von Computerchips und Teflonprothesen zum festen Bestandteil des Menschen werden.

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"Neuromancer" - Wiliam Gibson

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Wirtschaft und Internet haben sich ganz offensichtlich von der Vision einer Welt, in der die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen, inspirieren lassen. Die Google-Gründer Serguey Brin und Larry Page machen aus ihren kühnen Plänen keinen Hehl: „Wir wollen, dass Sci-Fi Wirklichkeit wird“. Google Glass hat zwar bislang noch nicht den gewünschten Erfolg gebracht, doch die Google-Tochter Calico forscht weiter intensiv an der Ausdehnung des Lebenszeitalters. Das Biotec-Unternehmen will nicht nur das Altern stoppen, sondern auch den Tod besiegen. Wenn man schon mal dabei ist.  

Wissenschaft und Forschung erleben seit 60 Jahren immer kürzere Entwicklungszyklen, die auch die Zukunftsvisionen immer schneller einholen. Viele sehen Science Fiction als Genre bereits überholt. Zu Unrecht. Denn der Blick in die Zukunft ist der Schlüssel zur Gegenwart. Und Science Fiction stellt uns die Frage, wie wir zukünftig leben wollen. Als Siedler auf dem Mars, als technisch aufgerüstete Cyborgs, als Techno-Hippies auf Bäumen oder als Untergangspropheten? Da dürfte für jeden etwas dabei sein.