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STAX

Stax: Heimat des Southern Soul

Anlässlich des 60-jährigen Bestehens des legendären Motown-Rivalen Stax gehen wir auf eine auditive und visuelle Zeitreise ins Memphis der Sixties – auf den Spuren von Otis Redding, Isaac Hayes und Co.

In den späten 50ern kam Jim Stewart nach Memphis (Tennessee), um sein Glück als Country-Musiker zu versuchen. Schon bald gab er seinen Traum auf und wurde Bankangestellter – doch er blieb von Musik besessen. Ermutigt vom Erfolg des Labels Sun Records, auf dem Elvis entdeckt wurde, beschloss er, seine eigene Plattenfirma zu gründen. Dafür bat er seine Schwester Estelle um Unterstützung: Sie nahm eine Hypothek auf, die beiden gründeten ein Label und benannten es nach den ersten beiden Buchstaben ihrer Familiennamen (Stewart und Axton). Nach ersten Gehversuchen mit Old-School-Country widmete sich Stax bald ganz dem Rhythm and Blues. 1960 sorgten die Genre-Pioniere Rufus Thomas mit seiner Tochter Carla für den ersten Hit. Einige Jahre später kam dann jener Musiker unter Vertrag, der später zum bekanntesten Aushängeschild des Labels werden sollte: Otis Redding.

Der Soul von Stax nannte man „Southern Soul“ – als Gegenentwurf zum Sound aus Chicago und Detroit – oder, nach der Bezeichnung „Deep South“, auch „Deep Soul“. Seine Geburtsstätte war das Hauptquartier des Labels: ein ehemaliges Kino mitten im schwarzen Ghetto der Stadt, in dem es Büros, ein Aufnahmestudio und einen Plattenladen gab. Während die Bürgerrechtsbewegung gegen die Rassentrennung kämpfte, stand Stax für die Vereinigung von Schwarzen und Weißen. In einer Zeit, als Rassismus in den Südstaaten der USA noch Alltag war, bestand die Studioband des Labels aus schwarzen und weißen Musikern: Booker T. & the MG's, denen eines der meistgesampelten Instrumentals der Musikgeschichte zu verdanken ist.

Im Dezember 1967 stürzte das Flugzeug von Otis Redding in einen See in Wisconsin. Für Stax bedeutete dieses Unglück beinahe das Aus. Ein Jahr später führte die Ermordung von Martin Luther King zu heftigen Unruhen in den schwarzen Ghettos, und die Black-Power-Bewegung gewann an Zulauf. Das Label änderte sein Logo – die fingerschnippende weiße Hand wurde zu einer schwarzen – und machte „I’m black and I’m proud“ zu seinem Slogan. Vor allem eine neue Ikone sorgte dafür, dass Stax den Soundtrack zur neuen afroamerikanischen Bewegung liefern konnte: „Black Moses“ Isaac Hayes, den Tracks 2008 traf. 1972 elektrisierte der Soul-Gott das Publikum beim Wattstax-Festival, das die Plattenfirma nach den Unruhen im Viertel Watts in Los Angeles organisiert hatte. Nach dem Festival geriet Stax wegen des Verdachts auf Finanzierung einer radikalen Bürgerrechtsbewegung ins Fadenkreuz des FBI.

Der Einfluss von Stax wurde so groß, dass sich auch der ewige Rivale aus Detroit, Motown, anpassen musste. Es war die Rache des Südens am Norden, die Vergeltung der alten Sklavenstaaten, auf die man in den großen Industriestädten stets abfällig herabgesehen hatte. Nach dem Erfolg von Stax sah sich Motown gezwungen, ebenfalls politisch engagierte Songs zu produzieren. Einer davon war Edwin Starrs musikalisches Anti-Kriegs-Monument War.

Trotz alledem bedeutete das Jahr 1975 das vorläufige Ende von Stax, das erst 2007 wieder aus der Asche auferstand. In diesem Jubiläumsjahr bringt das Label zahlreiche Neuauflagen heraus, darunter The Spirit of Memphis (1962-1976): vier CDs mit Songs von Isaac Hayes aus seinen ruhmreichsten Jahren. Und was ist aus dem Memphis-Sound geworden? Der deep south von heute heißt dirty south!

Mehr Southern Soul gibt es mit Don Bryant, einer der letzten lebenden Legenden, am 12. Januar bei Tracks. Schreibt es euch in den Kalender – und hinter die Ohren!