TRACKS NEWS / 03-01-17 / Unfit Bits: Gesunder Schwindel

Unfit Bits: Gesunder Schwindel

Ihr hasst Sport und wollt Krankenkassenbeiträge sparen? Dann ist UnifitBits genau das Richtige: Mit diesen Methoden trickst ihr jeden Fitness Tracker aus.

Fitness Trackers“ sind tragbare Geräte, die für rund hundert Euro alle möglichen Daten über die sportlichen Aktivitäten und die Gesundheit ihrer Träger messen – zum Beispiel den Herzrhythmus oder die Anzahl der Schritte. Die Dinger sind „intelligent und vernetzt“, was bedeutet: Sie haben eine gewisse Rechenleistung, speichern die Daten, senden sie über Netzwerke weiter und geben den Nutzer in praktischen Tabellen einen Überblick über ihre körperlichen Aktivitäten.

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Unfit Bits

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Die Geräte sind außerdem treue Verbündete gewisser Privatunternehmen, die an persönlichen Daten interessiert sind. Nein, nicht die NSA – sondern die Krankenkassen! In den USA dürfen Krankenversicherungen seit 2014 etwa Vorteile wie Beitragssenkungen für Kunden anbieten, die an „Wohlfühlprogrammen“ teilnehmen, ein gesunderes Leben führen und den Kassen so weniger Kosten verursachen. Wenn der Kunde einen Fitness Tracker trägt und seine Daten an die Versicherung weitergibt, bekommt er dafür „Punkte“ wie einem Videospiel. Dasselbe Konzept existiert auch in Großbritannien, wo es auf der Website der Krankenkasse Vitaly heißt: „The healthier you get, the more we're able to offer you. It's a virtuous circle that's good for you, good for us, and good for society.“ (Dt.: „Je gesünder Sie werden, desto mehr können wir Ihnen bieten. Es ist eine Win-Win-Win-Situation: für Sie, für uns und für die Gesellschaft“). In Deutschland gibt es das Konzept der Versicherung für Gesundheitsbewusste seit 2016, in Frankreich wird es 2017 so weit sein. Diese Idee erscheint wie eine logische Reaktion auf allgemeine Gesundheitsprobleme in der Gesellschaft: Körperliche Inaktivität und Bewegungsmangel sind weltweit die vierthäufigste Todesursache, ein Drittel aller Franzosen treibt zu wenig Sport. Für die Versicherer liegt die Lösung dieses großen Problems darin, ihre Kunden langsam aber sicher in Sims-Figuren zu verwandeln und immer mehr zu messen, zu berechnen und zu kontrollieren. Natürlich nur zu ihrem Besten!

Doch was ist mit denen, die lieber in der Hängematte liegen oder lesen oder Super Mario spielen oder einfach schlafen wollen? Für diese Faul-Fraktion entwickelten zwei Künstler/Techniker ein paar gewiefte Methoden, mit denen man die fitness trackers ganz einfach überlisten und so die datenhungrigen Unternehmen austricksen kann. Auf der Website Unfit Bits (ein Wortspiel mit „Fit Bit“, einer bekannten Marke für Fitness Tracker) findet man ein ganzes Arsenal an DIY-Methoden. Was man dazu braucht: ein Pendel, einen Akkuschrauber, ein Rad. Auf der Website, die sich auch als Parodie auf Krankenkassen-Werbeclips versteht, sieht man erklärende GIFs und Videos sowie eine Visualisierung von Daten, die durch die zusammengebastelten Vorrichtungen erzeugt werden. So erkennt man schnell, wie einfach es ist, einem begrenzt intelligenten Gerät glauben zu machen, dass man seit drei Stunden rennt, obwohl der Marathon in Wahrheit vor dem Fernseher stattfindet und die Lieblingsserie betrifft. 

Die Urheber dieses Projekts sind die Australierin Tega Brain, Mitglied bei der „Processing Foundation“ und der New Yorker Surya Mattu, Wissenschaftler bei Data & Society und Autor der Studie „Machine Bias“ über Diskriminierung durch Algorithmen. Mit Unfit Bits auf originelle Art, wie absurd dieses wenig vertrauenswürdige Systems ist – nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Humor. Trotz dieser Lockerheit wollen sie aber auch zum kritischen Denken anregen. Vielleicht erinnert euch diese Geschichte an eine Folge aus der ersten Staffel von „Black Mirror“, in der die Bürger der Zukunft auf einem Indoor-Bike fahren, um so Punkte zu sammeln, die sie dann in ihrem Vergnügungs-Paradies einlösen können. Auch wenn die Absicht hinter den „Fitnessprogrammen“ – ein gesünderer Lebenswandel – legitim erscheinen mag: Die Vorstellung, ohne bestimmtes Ziel durch die Gegend zu rennen und Punkte zu sammeln, erinnert stark an Super Mario und seine Münzenjagd … Eine recht eigene Vorstellung von Freiheit. 

Versicherungen mit Fitness-Tracker-Programm sind im Moment noch die Ausnahme. Doch wenn die Praktik zur Norm würde, müsste man seine körperlichen Daten zwangsläufig seiner Krankenkasse übermitteln. Gezwungen werden kann man zwar nicht (das verbietet das Gesetz), stark ermutigt aber schon. Doch selbst Menschen mit gesundem Lebenswandel sollten das Recht haben, seine Daten für sich und seinen Arzt zu behalten – zumal die Vertraulichkeit dieser Informationen nicht gewährleistet ist und die Datenbanken leicht zu hacken sind. Zahlen oder ausspionieren lassen? Die Qual der Wahl.

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